3 Wochen Frankreich, Spanien, Portugal, Spanien

Es ist immer wieder interessant für mich, wie die Leidenschaft des Motorradfahrens nicht nachlässt, nach all den Jahren. Nun also tauchen wir zu zweit ein in den großen Sommerurlaub. 22 Tage liegen vor mir. Am Ende waren es 19 Fahrtage und keiner zu viel.

Durch Frankreich geht es mit einer (von zwei) Übernachtungen in Chalon-sur-Saone. Ein netter Ort mit einer Unterkunft bei einem ganz netten Ehepaar (airbnb). Weiter durch die Cevennen in die nördlichen Pyrenäen. Wir bleiben 2 Tage bei einem Bekannten in einem kleinen Weiler einer deutschen ehemals alternativen Szene und wohnen bei Achim in einem toll umgebauten alten Häuschen.

Weiter geht es in ‚meine‘ Pyrenäen. Die spanische Seite. Auf besten Straßen (statt französischen oft gesplitteten) geht es weitere 2 Tage voran und ich fühle mich wohl und wohler. Mein Plan durch die Schlucht des Canon Anisclo zu fahren, wird durch eine Straßensperre verhindert. Ein Umweg steht an und nun also eine ungeplante Route durch neues Terrain. 50 km Wald und keinerlei Zivilisation liegen vor uns. 2-3 Autos begegnen uns. Wir überholen einen Reisebus mit Panne. Davor, dazwischen, danach: nichts. Mein Puls wird langsamer. Ich entschleunige in mir. Ich nehme die Kurven, schaue in den Wald, über die Aussicht, in die Berglandschaft. Es wird ruhig um mich. Es wird ruhig in mir. Alles fällt ab. Sorgen, Gedanken. Nur das Motorrad und ich.

Nach 50 km erreichen wir die Schnellstraße und eine Tankstelle. Trinkpause für den Tank und uns. Ich habe Mühe zu reden, versuche meinen Puls wieder zu normalisieren. Ich fühle mich wohl und gehe vollständig in Urlaub auf. Den Abend verbringen wir auf einer Lodge bei Huesca. Wir sind die einzigen Gäste, werden fein bewirtet und bekocht und sitzen auf der Terrasse mit einem unendlichen Blick in die Ebene. Südafrikanisches Flair.

Auf schnellem Ritt legen wir uns in den Wind der Hochebene und bringen endlose Kilometer meist gerade Straße hinter uns bis Salamanca. Was für eine Stadt! Mittelalterliches Flair mit Studenten, Kneipen, Tapas.

Es kurvt sich weiter an die portugisische Grenze, den Fluß Douro kreuzend, endlose Olivenhaine. Häuser und Orte mit schön gerichteten Häusern, teils Villen gleich. Ganz anders als die letzten 2 Tage in Spanien mit Trockenheit, Ebenen bis zum Horizont und wie ausgestorben daliegende Ortschaften. Wir haben uns den Campingplatz Toca de Raposa ausgesucht und werden angenehm überrascht. Er liegt noch schöner als im Internet beschrieben und belgische Chefin, Personal (es scheinen nur Freunden zu sein), sowie die Gäste sind so freundlich. Wir blieben gleich 3 Nächte und verbringen die Abende in der sehr schönen Bar.

Die Ausflüge in die Serra da Estrella mit dem höchsten festlandportugisischen Berg Torre (1993m) und an den Atlantik sind traumhaft, obwohl die überall präsenten Feuer und Rauchschwaden die Stimmung ein bisschen drücken – weiß man doch, dass manch einer gerade sein Land, Haus, Wald verliert.

Zurück nach Spanien in die angenehmen Städte Caceres und Trujillo. Unsere Wege trennen uns, wie leider geplant, und ich starte alleine durch nach Cordoba, um dort 2 Tage die Stadt anzuschauen. Die Mezquita ist trotz aller Beschreibungen noch größer und beeindruckender als erwartet und am Abend genieße ich eine traditionelle Flamenco-Show.

Über Granada fahre ich nach Motril um dort noch eine Woche zu verbringen. Stationär von einem Hotel am Meer aus mache ich für einen lieben Freund und seine große Gruppe motorradfahrende Kunden den Tourguide in die nahe und ferne Umgebung. Ich genieße es an der Spitze zu fahren und mich um alles zu kümmern.

Tag 22: Mein Bike geht auf den Lastwagen und nach Hause und ich besteige das Flugzeug in Malaga – ohne den Hauch einer Sättigung von Land, Leute, Erlebnisse, Fahrspaß zu haben.

-> Bilder siehe ein Beitrag vorher.

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Impressionen einer Winterflucht

Südsüdspanien. Wir sind hier, weil wir Motorrad fahren wollen. Winterflucht für Kurvenhungrige ist unsere Devise. Und wir bekommen mehr, als manch einer von einer Winterflucht erwartet. Kurven satt, leergefegte Strassen. Atemberaubende Landschaftszüge breiten sich vor uns aus, wir fahren den ganzen Tag bergauf und bergab und halten nur an, wenn das Grinsen unter dem Helm so breit wird, dass der Helm in Gefahr läuft zu platzen oder sich die Mundwinkel hinten treffen.
Das ist für Menschen, die das nicht kennen, kaum nachvollziehbar, was das Motorradfahren für unsereins bedeutet. Auch nach Jahrzehnten wird es nicht alltäglich und langweilig. Für uns war das immer eine Mixtur aus Aufbruch, mentaler Selbsterfahrung, Reduktion auf das Unmittelbare, Sehen, Hören, Spüren, den Blick in die Ferne, Sehnsucht und dem harmonischen Fluß der Kurven. Am liebsten in einer tollen, einsamen Landschaft in die untergehende Sonne hinein. 
Wenn der Magen grummelt halten wir an urigen Lokalen mit grandioser Aussicht an, essen die Tapas-Karte rauf und runter.
Dann wieder Aussichten in die wild zerklüffteten Berge, schroff und sanft daliegend, und Hinunterblicke über die Täler, bis an das blau daliegende Meer. Der Landstrich hat viel mehr zu bieten als man denkt, und viel viel mehr als sich ein Motorradfahrer wünschen kann. 
Ich sauge das alles auf und bringe es mit.

Andalusien – eine weitere Motorradreise und nicht die letzte

Galerie

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Meine ersten Kilometer, wieder auf spanischem Boden. Ich geniese das Meer, habe es nicht eilig und fahre die Küstenstrasse über Motril Richtung Almeria. Weit vor Almeria beginnen die Planenlandschaften. So weit das Auge reicht reihen sich die Gewächshäuser aneinander, ziehen … Weiterlesen

(m)eine neue Mantrasingstimme

Ich wollte nur mal so sitzen bleiben, zuhören, auf mich wirken lassen. Musik geht an. Om Shanti. Die Gruppe beginnt zu singen. Om Shanti. Sonst nichts. Mantra eben. Ich muss mitsingen, mit meiner ungeübten Singstimme, die keine Singstimme ist. Ich wiege mich und singe. Om Shanti. Om Shanti. Es fliesst durch mich und lässt mich lächeln.

Yoga+Mantra

Yoga+Mantra

Esoterischer Quatsch. Nein, einfach gemeinsam lächeln. 10 Minuten Mantrasingen und der Tag hat Sonne. Das hätte ich nicht erwartet. Funktioniert wahrscheinlich auch nur in einer Gruppe, im Urlaub, im richtigen Raum, viele Stimmen verderben nicht die eigene. Hey, das mache ich morgen wieder. Und ich dachte an meine Freundin Claudi dabei, die hat Stimme, singt Soul und Funk in hellem Ton. Ich mag’s! Sie hätte eine Freude an mir und ich höre sie im Geiste mitsingen. Om Shanti.

Lo imposible oder die Erfahrung Camino Portugues in 5 Tagen

Nach einem Tag in Porto und 16 Mal im Kreis laufen, bergauf, bergab, auch falsch – was hier sehr einfach ist – sah ich ein Wenig einer charmanten Stadt am Fluss Douro. Ich stieg mit meinem Cousin aus den Staaten, derzeit in Afrika lebend – nachdem wir ihn vorab schräg streifend verpassten – 200 Stufen hinauf auf den Torre Dos Clérigos. Wir bewunderten die Aussicht und lachten über die ängstlichen Kinder, die ungestreift durch das Geländer gepasst hätten – that’s not the german way of security – um in die Tiefe zu stürzen. Wir checkten die Livraria Lello, vor der gerade ein Zumba Flash Mob Zumba-Flash-Mob stattfindet, an dem spontan die Hälfte eines schwarz gekleideten Orchesters teilnimmt. Hier wurde Harry Potter gedreht (gut, das ist nicht sooo interessant, aber die Bücherei gilt als sehr schön). Wir waren verwundert, wie klein die hölzern gewundene Treppe ist und wie eng der Buchladen. Wir fuhren auf dem Fluss und sahen hinauf zu den 5 Brücken, eine von Gustave Eiffel erbaut. Wir tranken ausgezeichneten Weisswein für 2 Euro das Glas in einer Bar, die mit beschrifteten Pappkartondeckeln warb. Wir liefen locker die ersten 10 Kilometer dieser Wanderreise. Porto hat Charme, eine sehr angenehme schöne Stadt.
Porto

Tag 2 lies sich ruhiger an. Unsere Auntie aus den Staaten verpasste wieder unverschuldet einen Anschlussflug und war nun 24 Stunden überfällig und irrte nach Philadelphia durch Europas Flughäfen. Als sie es endlich schaffte zu uns zu stossen, war es bald Zeit den Zug von Porto nach Valenca zu besteigen. Nach 2 cafe con leche und einem guten Glas Portwein waren wir soweit. Mein Cousin, seine Mum/meine Tante und aus Irland die Cousine vom Cousin, nicht meine Cousine aber ihre Nichte, mit Mann und ich. 5 Leute, 4 Länder. Ein bunter Haufen. Wir wechseln die Landessprache in Englisch.

In Valenca überquerten wir die Brücke nach-Spanien und die Zeitzone nach Spanien und wanderten auf dem Camino 5 km nach Tui. Wir suchten auf zwei Anläufen und bereits in der Dunkelheit, die erste Herberge und liesen uns auf das Abenteuer ein. Bett 8 oben wurde mir zugeteilt. 22 Uhr Schliessen der Tür. Also noch Zeit für eine schnelle Pizza um die Ecke. 22:30 Licht aus. 8:00 Verlassen der Herberge. Das sind ab sofort die Regeln. Das Licht im Bad, ein knapp eingestellter Timer, ging während des Duschens aus und Nacht umgab mich. Tastend suchte ich mein Handtuch und hoffte jemand möge hereinkommen und den Lichtsensor auslösen. Das Pilgerabenteuer begann. Der Schlafsaal für 20 war gut halbvoll und Rascheln, Flüstern und Schnarchen. Man fühlt sich zurückversetzt in eine Jugendherberge. Misses Crumple hatte eine Aluminiumfolie als Zudecke zum Warmhalten. Gute Idee, da leicht und effektiv, leider laut. Jorge unterhielt uns mit Schnarchen durch die Nacht und ab gefühlten 5:00 Uhr fing er an zu packen. Wir trafen ihn auch weiterhin täglich. Er packte früh, damit jeder etwas davon hatte und war trotzdem bei den letzten, die die jeweilige Herberge verlies.
Ich ruhte etwas, träumte, wachte, schlief ein. Um 7:45 abruptes Wecken. 15 Minuten bis zum Verlassen der Herberge! Leichte Hektik.
Das Dorf Tui schlief tief. Kein Frühstück. An manch einer Haustier hängt ein Baguette. Wir lachen und sagen ’seit 1200 Jahren wird hier gepilgert und nie kam ein Baguette weg … bis wir kamen‘. Wir sind anständig. Hungrig. Wir wanderten 1,5 Stunden bis unsere knurrenden Mägen und verdörrten Kehlen auf wilden Wein trafen. Ein Bund Trauben hing uns mitten im Wald auf den Weg. Wir stürzten uns gierig darauf. Weitere 40 Minuten später endlich der erste Frühstücksstopp. Ein grosses bocadillo de tortilla espanola für mich. Der Tag endet in Redondela nach 32 km. D. läuft seit 14 km auf Blasen, niemand weiss, warum wir diese grosse Etappe laufen. Jeder, der jemals eine Wandertour gemacht hat, weiss, der erste Tag sollte zum eingewöhnen sein. Auntie schaut ein bisschen verstört. Ich bin nicht sicher, ob sie das so erträumt hat. Ich bin fit, frage mich aber, warum wir nicht in dem netten Ort Mos geblieben sind. L. kennt kein Pardon. Wir kommen an. Die Albergue ist moderner als die letzte, mehr Herberge als katholisches Erziehungsheim, jedoch stinkt die Dusche garstig und es ist nun sehr voll. Ich liege im Stockbett wieder oben und es schwankt bei jeder meiner Bewegungen oder der kichernden netten Frau unter mir, dass ich reale Bedenken habe, mein Abendessen und die ordentliche Portion Schlafrotwein, bei mir zu behalten. ‚Just awful, isn’t it?‘ fragte die 72-jährige Tante.
Nun mal gute Nacht aus Redondela.

Der nächste Tag führt wieder ab acht durch eine schlafende Stadt. Bäckerei: nope. Cafeteria: nope. Morning light: nope. Aber es ist schön in den Tag zu laufen. Ruhe. Gute Luft. Diesmal halte ich mich mit einem Dreiviertel Müsliriegel auf den Beinen bis uns nach 2 Stunden durch den Nieselregen, aber auch schönen Strecken durch den Wald, eine Bar aufnimmt. Arcade, der erste mögliche Stopp. Um 15 Uhr sind wir 3 km vor dem Ziel und beschliessen vorsorglich den Tag with some beers und Erdnüssen. In Pontevedra sind wir unter 40 anderen Pilgern dicht gepackt in einem Raum kleiner als meine Wohnung (abzüglich Bad, Küche, Flur und mehr) untergebracht. Wir packen die Klamotten unserer Fünfergruppe in eine Tüte und suchen eine Wäscherei auf. Selbst waschen macht wenig Sinn, die hohe Luftfeuchtigkeit trägt wenig zum Trocknen bei. Manch ein Pilger hängt seine Unterwäsche aussen an den Rucksack. Hello Kitty darauf, pinkener BH, Socken und das Schnelltrockenhandtuch, was über Nacht am Stockbett hängend nicht trocknet.
Santa Claus on vacation begleitet uns die letzten Meter zurück. Rauschebart, Pilgerstab, Schüssel am Rucksack. Er schreitet ordentlich aus, denkt an seine Rentiere und verpasst den Eingang zur Herberge.
Nach einem Abendessen mit viel Spass suchen wir unseren „dorm“ auf. Horrible. Es stinkt, ist warm, neben, über und gegenüber stechen sie Blasen auf, reden über Schmerzen in allen Sprachen, vor allem aber in Spanisch. Es ist zu lustig um Mitleid zu haben. Ich lerne, man nimmt einen Nähfaden und eine dünne Nähnadel und sticht durch beide Seiten der Blase und zieht den Faden durch. Diesen lässt man hängen, so kann die Flüssigkeit heraus und die Blase trocknet aus. Besonders schön sind natürlich schwarze und bunte Fäden, wobei sich das kaum einer traut. Auntie to her son: ‚Why are you using a black one, that’s just not nice‘. Denke nicht an Ersticken oder Klaustrophobie. Ich lernte heute Nacht, dass Fenster an einem Gebäude nur dazu da sind, dass die Putzfrau am nächsten Tag ein bisschen Licht hat (falls es eine gibt), auf keinen Fall zum Lüften. 40 halbnasse Pilger haben in wenigen Minuten den Sauerstoff in Kohlendioxid umgewandelt und ich weiss nicht, warum ich am nächsten Morgen noch lebe.Alberque-Pontevedra

Auch erschliesst sich mir nicht, warum all das katholische Pilgervolk, welches in Santiago von allen Sünden befreit wird, sich nicht in der Nacht auf die Extremschnarcher stürzt und einfach umbringt. Gott vergibt doch die Sünden. Mir graut vor einer weiteren schlaflosen Nacht inmitten der humpelnden Schnarcher und Raschler äh Pilger. Well, trotz der vielen fremden Menschen ist es nicht eklig, die Freundlichkeit aller macht es wett, dabei zu sein. Toleranz ist ganz gross geschrieben. Man kennt sich inzwischen, trifft sich unterwegs, kennt die, die das Gepäck transportieren lassen, die, die in Hotels wohnen, die, die mit gelbem Gruppenschal laufen und so manches Lied auf den Lippen haben. Wir haben Jorge, Team Portugal, White Hat und die kleine dicke Haarspray, die morgens eine halbe Stunde schminkend das Bad belegt und Miguele (Michael), 66, nach 50 Jahren in der deutschen Krankenhausverwaltung. Dann Italiano mit Tagesrucksack, Schwester und Papa mit den Motorrädern, die Begleitteam machen und im Hotel wohnen. Der hübsche Schwule, der sich einem Trupp Portugiesinnen angeschlossen hat. Die zierliche Blonde aus Portugal, tapfer mit 12 Blasen und Ms Experto, die ihren Freundinnen und unserem D. den Faden durch die 3 cm Blasen zieht. Die supernette aus Venezuela und Santa Claus.
Was wir wohl für einen Namen bekommen haben? Es ist toll sich zu kennen, zu grüssen, qué tál, durmiste bien, todo bien, bom caminho, buen camino, see you later. Es ist eine angenehme Truppe, alle haben das gleiche Ziel. Man gehört zueinander.

Da wir über Nacht die Wäsche waschen liesen, bedeutete dies, wir sind in einer grossen Stadt und haben Zeit und Möglichkeit für ein Frühstück. Der Kellner tischt reichlich Unbestelltes mit auf – Frühstücks-tapas – und wir naschen dies und das beim cafe mit tostadas. Wir holen unsere noch warme Wäsche ab, eine grosse Tüte für 12 Euro. Ich wechsle die Hose zwischen Waschmaschine und Trockner und bin wieder im Einsatz.
Heute hatten wir nur eine Fabrik auf dem Weg und der Weg war nicht immer asphaltiert. Auch führte er durch Wein und der Regen tropfte nur bis zum Mittag von unseren Schirmen und Hüten, um dann einer schönen Nebelstimmung und später der Sonne und weiterhin guter und besserer Stimmung zu weichen. Die Pausen und Abende sind purer Spass und grosses Gelächter.
Ich erfahre aus der Stockbettkoje unter mir, man schläft 2 Tage in der Albergue, 1 Nacht im Hotel. Dann ist man wieder ausgeruht und guter Laune. Well, wenn es ein nächstes Mal gibt, kann man es ja anders machen…

In Caldas de Reis kann und sollte man das Thermalwasser ausnutzen. Noch nie musste ich vor dem Besuch eines Bades einen 15-Punkte-Fragebogen über meine nicht vorhandenen Krankheiten ausfüllen (Pilzkrankheiten, HIV, Schwangerschaft, Bluthochdruck, uvm.) und unterschreiben…very interesting. Nach einem äusserst befremdlichen Wellnessbereich aus den späten 60zigern, wurden wir für exakt 30 Minuten in einen grossen Whirlpool mit Hydromassage geschleust, really relaxing, ja, das tat gut!
Nach Lichtaus lautes Wispern: ‚Where is my backpack?‘ ‚Under your bed‘ raschel ‚Have you seen my torch?‘ ‚Yes, it’s in your backpack‘ ‚How funny was that guy on the road‘ ‚Yes‘ raschel ‚Äh, I really need my torch, can’t find it‘ ‚In your backpack…‘ raschel ‚…under your bed‘ raschel. ‚Ah, hihihi, have it‘. Than we all were flashed by the torchs‘ light.
Gute Nacht mal wieder.

Der Vormittag gehörte, auf dem meist schönen Weg nach Padrón, der stündlich wachsenden Panik. Ich konnte kaum mehr laufen, dachte natürlich, dass ich Blasen entwickle. Ich? In meinen Schuhen? Auf den paar Kilometern? In der späten Mittagspause ziehe ich kurz Schuhe und Socken aus. Dachte in der Matratze auf der ich lag, waren Flöhe. Logisch, bei reihenweise roten Punkten. Die Zehen schwellen an. Cousin C. glaubt an eine Hitzeallergie, a heat rush, mein Körper überhitzte?
Bereichernd: Wir kamen an einem Kindergarten vorbei. Draussen ‚Buen camino‘ in allen Sprachen dieser Welt. Der Lehrer bittet uns herein. Wir müssen sagen wo wir herkommen, bekommen Ausdrucke über seine Facebookseite, sollen schreiben und Bilder senden. Das wäre sein Projekt mit den Kindern. Er lässt die Welt zu sich kommen. Was für eine schöne Idee.Schule
Am Abend fand ich rote Punkte bald überall (gefühlt überall) an mir. Alle wunderten sich, me too, dass ich von Insektenviech gebissen wurde und sonst niemand. Heute Nacht keine Socken und kein Fleece. Ich werde in meinem leichten Seidenschlafsack erfrieren, egal, Hauptsache mein Körper kühlt runter. Noch hoffe ich ungläubig an die Hitzeallergie, alles andere ist zu schrecklich. Alleine der Gedanke an Flöhe und Bettwanzen, auf mir durch die Nacht tanzend, ist zu entsetzlich. Noch 24 km liegen vor uns. Die Nacht ist lang. Die Lautatmer sind näher gerutscht, schwappen von links nach rechts einem Orchester gleich durch den Raum und meine Bisse (natürlich sind es Bisse), die vom Apotheker in Santiago bestätigt werden, schmerzen. Er erzählte mir von einer 6er-Gruppe vor ein paar Tagen, bei der 2 das Gleiche hatten. Das gerade in den Herbst wechselnde Klima hätte (auch) damit zu tun, das Bettwanzen herauskommen. Am Morgen röter und dicker. Ich habe definitiv keine Blasen. Ich bandagiere zur Polsterung im Schuh, laufe los.

Zum Frühstück, heute gleich um 7:30 Uhr kehren wir in eine chaotische Minibar ein. Bei Pepe. Ich frage ihn, wo eine offene Apotheke ist oder wann sie gewöhnlich aufmachen. Er stürzt los, verlässt seine Bar und seine Gäste und bringt mir die erfragte Cortisonsalbe. Alle sind so ausnahmslos nett und hilfsbereit hier!!
Gesalbt und unter Schmerzmitteln, aber von Pepe umarmt und auf die Stirn geküsst, humpeln wir nun weiter nach Santiago de Compostela. D. kaufte am Abend zuvor einen Altmänner-Laufstock. Hilfreicher Pilgerstab. L. bindet die Kniebandage und hüpft fortan an Treppen. Blasen, schmerzende Knie, Bettwanzenbisse. Bei Kilometer 9,807 sagt Auntie mit trockenem Humor. ‚Well, that’s better than 9,9.‘ Im strömenden Regen erreichen wir die Stadt und suchen das gebuchte Hotel auf. Eigenes Bett, Laken, eigenes Bad, Luxus.
Santiago. Eine schöne Stadt? Toll? Ja, ich würde sagen sie hat durchaus spanischen Flair. Supereng gebaut, Riesenverkehr, unschöner Weg bis zum Ende des Camino. Es wäre bei Sonnenschein sicher anders gewesen. Wir erfuhren aber in der letzten Kneipe auf dem Weg, dass man nicht in Santiago war, wenn es nicht geregnet hat. Also, alles richtig gemacht. Auch: Einladende Kneipen an jedem Eck. Tapas, dass man danach kaum noch zum Essen gehen muss. Verzierte Häuser, Stuck, Schnörkel, Erker.
Die 12Uhr Messe in der Kathedrale am nächsten Tag ist beeindruckend, auch für Nichtkatholiken. Der Gesang der Nonne gibt mir eine angenehme Gänsehaut. Wir treffen manchen Pilger wieder, alle geduscht, happy, hinkend, erfreut mich zu sehen.
Santiago de Compostela

10+5+115 km in 7 Tagen. Eigentlich nicht zu viel, ich denke der Asphalt brach mir das Genick – kopfmässig. Ich würde sagen es waren darauf gut über 70% des Weges. Oft über oder an Hauptstrassen, immer wieder hässliche Stellen. Durch Industriegebiete. Mein 5,5kg-Rucksack wurde nie zu schwer, es fehlte an nichts, ich habe mit Verstand gepackt. Ich bewunderte D. mit seinen Blasen, immer einen flotten irischen Spruch auf den Lippen. Ich bewunderte Auntie, 72, tough. I’m ashamed, ich, nur ein paar hundert Bisse, die sich in den Schuhen anfühlen wie rohes Fleisch und sonst jucken und mir Tränen über mich und mein Leben in die Augen treiben. Ich bin definitiv nicht tough.
Den Camino in 5 Tagen zu machen ist möglich, aber Idiotie. Niemand hatte am Nachmittag oder Abend Lust den jeweiligen Ort anzuschauen. Keine Zeit für Pausen, einfach in der Landschaft sitzen, die Gedanken treiben lassen. Einfach auch die Landschaft anschauen und nicht nur den Weg vor einem, um nicht zu stolpern. Die Etappen waren zu lang, um bis zum Schluss Spass zu haben. Nicht zu lang für den Körper, nur zu lang für den Kopf. Poor Auntie, sie wird diesen Trip mit keinem guten Gedanken vermissen. Am letzten Tag in Santiago passierte nichts, außer der Besuch der Messe und ein paar Bier und später das Abendessen. Niemand hatte Lust die Stadt zu erkunden. Auntie wollte das Hotelzimmer nicht verlassen und wird am Tag darauf fertig in den Bus nach Porto steigen. Tag 6 wäre eine schöne Etappe mehr gewesen und hätte die anderen Tage auf Spassgrenzen abgekürzt. Hätte vielleicht doch einen Hauch von Spiritualität zugelassen. Hätte vielleicht doch dem Kopf etwas Luft gegeben sich niederzulassen. Vielleicht war auch die Erwartung an Abschalten zu hoch. Beten, sah ich nie jemanden. Wie viele wohl den Weg gehen, aus gott(den einen)gefälligen Gründen?

Well, wir hatten viel Freude und verstanden uns gut. I will miss’m!
Ich buche meinen Flug um, habe keine Lust mehr auf einen weiteren Tag in der Stadt und 2 Tage in Fisterra am Meer (das Ende der Welt), wo ich mich aufs Meer schauend sitzen sah, und fliege nach Hause.

PilgerausweisSo … at the very end … should I wait a few weeks to write the last sentence?, warten, bis nur das Schöne in der Erinnerung steht?
Oder sage ich einfach: Es war eine Erfahrung.

Bücher: El Camino de Santiago en tu mochila von Anton Pombo. Die Karten geben eine Idee, beinhalten aber Fehler. Die Beschreibungen sind nutzenfrei. Eine Telefonnummer, die ich benötigte prombt falsch. Infos aller Art sind gut.
Gut: das Outdoormuss von Raimund Joos.

auf zum Weg: Start in den Camino Portugues nach Santiago de Compostela

Es ist so weit, nicht zu lange geplant. Nicht zu lange vorbereitet. Eher gepackt und gegangen.
Heute Nacht fahre ich ab, morgen früh fliege ich nach Porto. Der Platz neben mir ist ein leerer Sitz. Wieder einmal. Wieder einmal sitzt neben mir die Einsamkeit, wieder einmal denke ich an Dich. Diese Reise wäre nichts für Dich und ich mache sie, weil mir Zeit mit Dir nicht vergönnt ist. Ich werde wandern und am Meer schauend sitzen und ich weiss, es wird nicht genug sein. 12 Tage sind nichts, ein Nichts an Zeit. Ich werde an Dich denken und meine Hand nach Dir ausstrecken um Dir etwas schönes zu zeigen, um Dich zu spüren, um mit Dir in die Natur zu lauschen. Meine Hand greift ins Leere, wird nichts spüren. Ich drehe meinen Kopf und blicke Dich lächelnd an und Du wirst es nicht sehen.
Manch einer macht diesen Weg um Gott nahe zu sein, zumindest wenn er am „Ziel“ von allen Sünden gereinigt wird. Manch einer des Laufens wegen. Manch einer um zu vergessen. Manch eine, um zu versuchen ein paar Tage nicht auf das Handy zu schauen, in der Hoffnung auf eine Nachricht, schöne Worte, auch um zwanghaft nicht zu arbeiten. Manch eine um ihr Leben zu ordnen. Manch einer um Schritt für Schritt den Kopf zu leeren. (K)Ein Auseinandersetzen mit dem Jetzt. Projeziert man/frau nicht gerne Wünsche und Sehnsüchte auf das, was man nicht haben kann und wäre vielleicht erschreckt über die Wirklichkeit. Mein Gefühl der Geborgenheit und Sehnsuchtsnähe ist nur meins und Deine Geborgenheit ist woanders, angekommen. Du bist längst angekommen. Ich suche mich, doch ich bin weg. Ich hatte Freude im Herzen. Liebe für viel mehr als mich alleine. Ängste, genug für eine.

Ich bin dann mal weg. Der Weg wird gut tun! Versprochen!