Unbeschwertheit, eine weitere Reise durch Grossbritannien

Wir durchfahren stresslos Deutschland, Belgien und Frankreich auf dem Weg nach Calais, die Fähre nimmt uns auf und wir erreichen das Land des Linksverkehrs – Great Britain. Die Sonne strahlt wolkenlos vom Himmel und beschert uns viele schöne südenglische Kilometer. In Winchester schlendern wir durch die Stadt und Stonehenge schauen wir im Gafferstau von der Strasse aus an. Beim letzten Besuch sah ich es mir von nahem an und staunte über die doch eher unspektakulären Steine. Bath ist das Ziel und ein Hotel in einem landestypischen Herrenhaus. Man gönnt sich ja sonst nichts. Die Stadt ist klein-gemütlich und hat eine grosse Zahl Kneipen und urige Einrichtungen. Überhaupt hat England diesen völlig unnachahmlichen Einrichtungsstil, der einfach Wohlfühlcharakter hat. Zusammengewürfeltes hat Stil, verschiedene Möbel, Alterssprünge, Moderne trifft Holzwürmer. Unnachahmlich ist das Wort.

Weiter geht’s hinüber nach Wales. Die Sonne lacht wieder und die Landschaft ist atemberaubend schön. Heute wohnen wir im abgelegenen Landhaus. Für die Bevölkerung ist es nur „ah, the Mansion“. Den Abend verbringen wir am Meer, schauen den Leuten zu und schlendern auf der Promenade. Die Luft ist reich an Mövengeschrei und Meergeruch. Eine Dame schaut mit ihrem Enkel aufs Meer und zeigt uns „look, there are two dolphins over there“. Urlaub.

Durch den Waliser Norden geht es hinauf nach Liverpool. Atemberaubend und reich an allen Grüntönen, gepunktet mit dem Weiss der Schafe und dem links liegenden Band aus blauem Meer. In Liverpool auf die Fähre und wir kommen nachts um zehn in Douglas/Isle of Man an. Meine Freunde erwarten mich im Hafen, machen eine Aloa-Welle als wir von der Fähre fahren und geleiten uns zu unserer gemeinsamen Ferienwohnung. 5 viel zu kurze Tage verbringen wir auf der Insel. Erleben, geniessen, haben unendlich viel Spass, fahren die berühmte Strassenrennstrecke TT. Gänsehaut über Tage, nicht wegen der Kälte, sondern wegen dem hier sein. Für einen Motorradfahrer ein Stück Mekka. Hier fahren sie seit 1907 DAS Rennen. Meine Rundenzeit ist mit 45 Minuten abgrundtief. Aber gut, ich habe auch jede Menge Verkehr, viele Autos zu überholen, rote Ampeln und Gegenverkehr. Gänsehaut pur!

Früh morgens reisen wir ab. Die Fähre schippert uns zurück nach England und wir durchqueren den Norden. Karg, baumlos, dann wieder Orte voll steinerner Schönheit mit bunt blühenden Büschen.  Wir trödeln noch in Kingston-Upon-Hall, doch die Vernunft siegt und wir fahren auf die Nachtfähre nach Rotterdam. Die Unbeschwertheit weicht plötzlich von mir und ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre, an meine letzte Reise mit diesem Schiff. 20 Jahre ist es her. Wir hatten kein Geld, schliefen im Schlafsack auf Deck und assen eine belegte Semmel vom Supermarkt. Heute haben wir eine Kabine und leisten uns Whiskey in der Bar und doch kommen die Erinnerungen so stark in mir hervor, dass die Tränen mein Gesicht aufweichen. Sie fallen aus mir heraus, still und unendlich und ich weine über all die Unbeschwertheit von damals. Ohne Geld haben wir die Welt erkundet, haben uns das Benzin für die Motorräder vom Mund abgespart, hatten keinen Komfort, ausser das Zelt, schlichen im Regen müde zur Toilette, kochten eine Pulversuppe im Zelteingang und schauten Museen nur von außen an. Und doch, diese Unbeschwertheit – die wir damals nicht als das wertvollste Gut schlechthin erkannten – möchte ich keinen Tag in meiner Erinnerung missen. Und so weinte ich still tropfend in meinen Whiskey. Weinte über all die Gedanken, über das wenn, aber, vielleicht, sollte man nochmal darüber nachdenken und über die Zukunft, die ich mir so unbeschwert wünschen würde.

10 schöne Tage gingen vorbei, der Alltag hat mich wieder und ich zehre von den Bildern in meinem Kopf und den guten Gedanken an diese Reise. Sie war jede Träne und jeden Traum – geträumt oder offen – wert.

Bilder folgen im nächsten Post.