Latina America/Costa Rica 2001 – Teil 4/4

Nach weiteren 1,5 Stunden Bootsfahrt (nun in einem kleinen Kahn) sind wir in Costa Rica, Land 4 dieser Reise: Mich erschlägt die plötzliche Sauberkeit, alles gepflegt, die Bäume stehen in sauberen Linien gepflanzt, Luxusbusse im Linienverkehr, Ami-PKW’s, alles spricht englisch, keine indianisch aussehende Bevölkerung, blonde Haare, Westkleidung, gemähte Rasen. Die Hecken sind akurat geschnitten. Ich bin im falschen Film.
Wir schnappen einen Bus in den Süden. Mit einmal Umsteigen sind wir um 16:30Uhr in Fortuna. Die Unterkunft kostet „teure“ 5$ und ist nicht besser als gewohnt. Wir buchen uns bei Franklin (ein Netter, Sympathie bekommt wieder den Zuschlag von all denen, die uns ihre Hilfe aufquatschen wollen) noch schnell für 20$ für die Nachttour zu den heissen Quellen und zum aktiven Vulkan Arenal ein. Später regnet es und die Bewölkung nimmt stark zu. Der Führer Franklin sagt, es habe keinen Sinn zum Vulkan zu fahren, man wird nichts sehen. Er ratet uns, das Geld wieder zu nehmen. Wir sind superenttäuscht und finden seine Ehrlichkeit wirklich toll. Es war der einzig mögliche Tag für uns zum Vulkan zu fahren. Egal.
Am nächsten Morgen ging es mit Minivan, Boot und Jeep nach St. Elena/Monteverde. Einchecken im Camino Verde. Ok soweit, aber das Bett hart wie ein Brett. Dann zu einer Schmetterlingsfarm, ganz nett, aber wir haben uns mehr versprochen. Nach einer kurzen interessanten Käfer- und Kakerlakenshow gibt es vielleicht neunerlei Schmetterlinge, die so ein bisschen träge vor sich hin flattern. Nachts gehen wir auf eine geführte Nachtwanderung durch den Wald zur Tierbeobachtung. Wow! Faultier, grosse Rattenart, schlafender Tukan, Pisote, Tarantula, Frösche, Insekten. Mittelkurz ins Bett und um 6:00Uhr wecken. Fahrt in den Nebelwald St. Elena. Wir wandern 2,5 Stunden und es regnet fürchterlich. Wir werden nicht nass, das ungeheuer dichte Walddach hält alles ab. Nebel hängt darin und der Wald macht seinem Namen alle Ehre. Danach machen wir für läppische 35$ (uhu, Costa Rica ist was für die reichen USA-Ami’s, die hier nun auch vielzahlig auftreten) die bekannte Canopy-Tour. 12 Plattformen in den Bäumen, hoch über dem Grund. An Kabeln segeln wir von Plattform zu Plattform. Irre! Zurück nach St. Elena, nehmen den Bus zum Flughafen, ein Taxi nach Alejuela zur gleichnamigen Pension. Wir bekamen mit viel Glück das Zimmer, welches reserviert war und die Gäste nicht kamen. Um acht am Abend hätten wir sonst wohl ein Problem bekommen. Für 11$ teuer, aber auch das Beste der ganzen Reise. Die letzte Nacht und ab nach Hause.

4 Länder, 15 verschiedene Übernachtungsorte, 4,5 Wochen, 12 verschiedene Transportmöglichkeiten (Bus, Jeep, Minivan, Pickup, Boot, Viehtransporter, Schiff, Flugzeug, Pferdekutsche, Kajak, Taxi, Fuss)
Natur, Kultur, Sprache, Strand, Land
Eine phänomenale Reise!
Jetzt zählt nur eins: schnell Geld sparen für die nächste Reise. Es darf nicht länger als ein halbes Jahr vergehen…. Noch im Flugzeug will ich Pläne schmieden, will nicht nach Hause, habe kein Heimweh.

Ein Fazit von Susanne zur Reise? Unbekannt. Zwischendurch gab sie sich Mühe, mehr von sich zu zeigen, etwas preiszugeben, aber Offenheit gehört nicht zu ihr. Man kann nicht in sie hineinsehen. Eine tolle, wundervolle Reisegefährtin und Freundin, aber das Schweigen ist hart.

Latina America/Nicaragua 2001 – Teil 3

An der Grenze wurde die einheimische Währung wieder nicht akzeptiert. An den Grenzen zählen immer harte Dollars. Um elf ging der Bus nach Somoto, weiter nach Estelí, weiter nach Masaya. Nach einem endlos erscheinenden Marsch vom Busterminal zum Hotelito Masayita kamen wir um 17h an. 7.- DM. Zuerst erschien es mir als die schlimmste Unterkunft, die ich je sah. Die Wände zwischen den Zimmern gingen nicht bis zur Decke des schrägen Daches, sondern hören so in 2,5 m Höhe auf. Mein Bett hat keine Matratze und es fliegt ein Haufen Dreck vom Dach aufs Bett. Ich habe mich nun daran gewöhnt. Mit konstruktiven Überlegungen konnte ich eine Schnur zum Nebenzimmer spannen und so die Moskitonetze frei schwebend aufhängen. So halten sie auch den Dreck von oben fern. Die Nächte auf dem mit Tuch bespannten Holzgestell sind auch nicht so muy mal wie erwartet. Die Stadt ist ganz nett und wir laufen unsere Runden. Von S. kommt keinerlei Kommentar, ich weiss nicht, ob ihr irgendetwas gefällt. Zwischendurch wollte sie kurz bei einem Basketball zu sehen und sass dann 2 Stunden dort. Mich interessierte es nicht. Aber sie hat ja recht, wenn es sie interessiert soll sie schauen.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus nach Catarina und laufen zum Mirador. Unterwegs kaufe ich ein schönes getöpftertes Klangspiel. 2 Meter lang und schwer. Wer wird es wohl transportieren, aber es ist zu schön um nicht mitzumüssen. Die Aussicht vom Mirador ist phänomenal, über den See, über Granada, zum Lago de Nicaragua. Jedoch bläst uns der Wind fast weg. Danach Marsch von Catarina über Masatepe nach Ninidiri, zugegeben 5 km mit dem Bus. Es waren trotzdem 5,5 Stunden laufen. Dann mit dem Rush-hour-Bus zurück nach Masaya. Kleiner Sonnenstich, überreizte Haut auf den Oberschenkeln, Sonne, Dreck, Wind. Den Abend verbringen wir im Schaukelstuhl.
Jedes Haus ist hier mit einem Schaukelstuhl ausgerüstet. Überall werden tollste Möbel und Korbwaren hergestellt. Im Vorbeilaufen kann man in die Häuser schauen und die Möbel und Einrichtungen anschauen. Die Leute machen einen netten Eindruck, aber auch reserviert. Weniger lebensfroh als in Honduras. Morgen geht es schon wieder weiter. Keine Zeit mehr zu erfahren. Touristen gibt es fast keine, in Masaya nicht, in den Bussen nicht, wenige in Tela. Vorhin habe ich mit einem Nicaraguaner hier im Hotelito gesprochen, war ganz nett und ich konnte wieder ausgiebig mein Spanisch anwenden, obwohl der Slang hier stark von meinem Spanisch abweicht.
Die Vorhänge vor den Zimmertüren wehen gespenstisch im Wind. Die Hängematten im Patio sind neuwertig unbenutzt, Vögel im Garten, zwei Touristen essen schweigend eine Ananas. Meine Oberschenkel sehen aus wie Hautkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Ich versuche den morgigen Tag zu planen, weiter schaffe ich es nicht.
07.04. | Von Masaya nach Granada. Eine sehr schöne alte Stadt. Wir leisten uns eine Pferdekutsche und lassen uns eine Stunde durch die Stadt kutschieren. Danach geht es aufs Schiff und wir landen nach 4 Stunden auf der Isla de Ometepe. Davon lag ich 3 Stunden auf einer Kiste, die Füsse auf dem Geländer, geniese das Schaukeln und träume vor mich hin. Ich lausche den Wellen, den Motoren, den Stimmen. Jede Stunde dieser Reise mit all ihren auch langen Transporten ist nicht umsonst. Auszeit.
Am Hafen springen wir alle auf einen Pritschenwagen und fahren nach Altagracia. Teuer, für 12,50 DM mit Frühstück, checken wir nobel in ein Hotel ein. Die Insulaner sind faul, nicht geschäftstüchtig und fühlen sich stark, wenn sie ein paar Brocken englisch können. Der Aufenthalt hier war nicht geplant, aber das Nachtboot zur Grenze San Carlos geht Samstags nicht mehr. Hier war unser Reiseführer nicht aktuell.
Heute waren wir an einem einsamen Strand, St.Domingo, sind das Meiste mit dem Bus gefahren und zurück 2 Stunden zu Fuss. Ein unerwarteter Regenguss lässt uns in eine Bar flüchten. Alles riecht nun nach nassem Staub. Ich glaube, fühle, hier werden die Sinne neu eingestellt. Ich lerne wieder Gerüche, Geräusche und Aussichten aufzunehmen. Bewusstes Wahrnehmen.
Geräusche sind wertvoll
Gerüche bestimmen Gedanken
Augen dürfen sehen
Die Nase voller Tiere, Menschen, Natur
die Ohren hören Schritte, Vögel, Wind
Insekten auf der nackten Haut
wertvolle Sinne für wertvolle Gedanken
Sinnesträume bestimmen das Leben
Den Rest des Tages sitzen wir im Park oder vor dem Hotel. Ich arbeite an meiner Kokosnuss und schleife mir den Kopf frei. Wow, wie hart die Schale ist.
12.04. | Am Montag waren wir auf der Ometepe recht faul. Nennen wir es angepasst. Gegen Abend nehmen wir den Pritschenwagen zum Hafen und schiffen uns ein. Mit 2 Stunden Verspätung legt das Boot gegen 20Uhr ab. Komplett überfüllt mit Bananenstauden, Menschen und tonnenweise Wassermelonen, die in einer Menschenkette hineingereicht, jeden Winkel des Bootes füllen. Ich überlege mir ernsthaft, welche Wertsachen ich vom grossen in den kleinen Rucksack umpacke, zum Beispiel die Diafilme, dass, wenn wir sinken, ich nur den kleinen Rucksack retten muss. Dazu kommt in der ersten Stunde ein hoher Wellengang und viele begannen zu kotzen. Der Motor geht aus, wir sinken. Natürlich nicht, aber es war schon gruselig, bis der Motor wieder lief. Nach einer schlaflosen Nacht auf der schwankenden Holzbank sitzend, landen wir morgens um 7Uhr in San Carlos. Wir frühstücken eine Ananas, die den Mund pelzig macht und warten auf den Zoll. Erst nach passieren der Formalitäten darf das Boot nach Costa Rica bestiegen werden.

Latina America/Honduras 2001 – Teil 2

Copán Ruinas. Wir sind in einer netten Pension und zahlen 4,90 DM. Das Bad ist ausserhalb des Zimmers. Meine Reisegefährtin ist schon im Bett. Ich schreibe und geniese.
Als wir von der Grenze wegfuhren, war ein ganz ungewöhnliches Raunen und Pfeiffen in der Luft, über allem. Insectos de semana santa, sagte man mir. Macht mich nicht wirklich schlau. Über mir läuft gerade eine Echse, nein zwei, neben mir am Boden sitzt eine Art Grille, fett mit 5 cm langem Körper, die macht vielleicht einen Lärm, beim Fliegen. Insecto de semana santa? Ein Wasserhahn tropft, mein Schaukelstuhl knarrt, Insekten fallen auf mich. Hey, Echsen, macht euren Job. Ich bin froh, für die Nacht mein Moskitonetz zu haben.
Einfach sitzen, vor mich hinschaukeln, dem Tropfen zu hören, dem Zirpen, den Gedanken nachhängen, über das Vermissen und Nichtvermissen, nichts denken, Ruhe und Entspannung.
Internetcafe…. ich bin in grosser Versuchung um Urlaubsverlängerung zu bitten. Carramba. Tränen laufen.
Fernweh in der Ferne
Angst vor dem Alltag
Berichte an zu Hause
Trauer, dass der Urlaub zu Ende gehen wird
Angst vor der Zeit
ein Vermissen
ein gar nicht sehen wollen
29.03. | Kurz vor neun am Abend. Susanne ist wieder im Bett. Heute haben wir die Copán Ruinas angeschaut. Wir nahmen einen guten jungen Führer, der alles toll erklärte. Ein Macho wie er im Buche steht. Nach einer Runde Kultur legte ich mich mitten in den alten Handelsplatz, heutzutage Wiese. Ich schliesse die Augen und stellte mir das Treiben von damals vor. Schwer, man weiss zu wenig. Es wohnten hier sehr viele Menschen, es gab 4 Schichten, viele Priester und alles was getan wurde, hatte religiösen Hintergrund.
Danach ein Aussichtspunkt, nicht lohnenswert.
Später sassen wir am plaza central. Plötzlich marschierten Schwerbewaffnete auf, mit kugelsicheren Westen. Es wurden immer mehr Leute. Kurzum: Wir wurden Zeuge einer Gerichtsverhandlung im Freien. Der Fall: Ein junger Mann aus dem Dorf erschoss im trunkenen Effekt vor 3 Jahren einen Indigena. Er floh in die USA und kam nun zurück und wurde an der Grenze gefasst. Die Verhandlung war im Freien und die Anwälte, Richter, Zeugen, der Mörder liefen hin- und her, um den Fall zu rekonstruieren. Um sie herum Abschrankungen, Presse, Bewaffnete und Neugierige und WIR. Muy interessante. So etwas zu erleben, die Leute zu befragen (so kam ich ja erst zu meinem Wissen, was hier vor sich geht).

Heute sitzt hinter mir ein grosser grüner Heuschreck und im Blumentrog eine Kröte. Ich schätze sie ist ein verzauberter Prinz und bin recht freundlich zu ihr.
Später sägte ich mit dem Schweizer Taschenmesser des Hotelsohnes meine zweite Kokosnuss auf. Nun habe ich also einen vollen Bauch und 2 Schalen mit Deckel, wie geht es damit weiter?
Ich lerne noch ein paar Vokabeln und schlafe. Morgen um 5:05 klingelt der Wecker.
31.03. | Über La Entrada und Santa Rosa de Copán nach Gracias. Im Restaurant Guancascos gibt es Informationen über den Nationalpark Caleque. Am späteren Nachmittag fahren wir auf einem Pickup zum Parkeingang. Dort laufen wir eine halbe Stunde bis zum Visitorcenter. Dieses besteht aus 2 Hütten mit Zimmern und Stockbetten, abseits Toilette und Dusche. Wir sind die Einzigsten und breiten uns aus, spannen die Moskitonetze und gehen zur Frau Nachbarin zum Essen. Eine ganz nette Uralte, die uns ein einfaches leckeres Gericht vorsetzt. Beim allerletzten Dämmerlicht machen wir uns auf und liegen bald in der Koje. Unsere Voräte haben wir natürlich nicht im Bett unterm Moskitonetz und bald fängt es im Zimmer an zu rascheln. Aufstehen und Tüten in Sicherheit bringen. Das war eine Nacht. Es mampft und knuspert. Ausser einer grossen Melone liegt nichts mehr herum. Immer wieder leuchteten wir mit der Taschenlampe durchs Zimmer, konnten nichts entdecken. Die Melone ist im Lichtkegel unangetastet. Vor der Hütte hören wir Tiere und 1000 andere Geräusche. Ein dringender Weg zur Toilette ist unmöglich, hallo, wir sind im Dschungel.
Der nächste Morgen bringt Gewissheit: Die Honigmelone hat auf der Rückseite ein kreisrundes Mauseloch und ist komplett ausgehölt weggevespert. Wir lachen uns schlapp. Die Tiere vor der Tür waren die harmlosen Hunde der Alten, wahrscheinlich hätten sie uns beim Klogang bewacht… gut man weiss es nicht. Zwei Gören im Dschungelcamp…
Um halbsieben gibt es Kaffee mit Banane bei der Nachbarin und wir wandern los. Susanne spricht kein Wort und wir geniesen das Grün und den Trampelpfad. Es ist ein bisschen schwer mit jemanden zu reisen, der alles in sich hineinfrisst, es verunsichert. Auch offenbar schönes wird ausgeschwiegen. Nach anstrengenden 1150 Höhenmetern und 4,5 Stunden pausiert Susanne. Ich verausgabe mich, was mir gut tut, und steige weitere 150 Meter auf. Musste dann aber auch einsehen, dass ich den höchsten Punkt von Honduras – knapp 2900m – aus Zeitgründen nicht schaffe. Ich joggte abwärts durch den Wald, trödelte, sah 2 Quetzalweibchen und eine wunderschöne Echse. 4 Stunden für mich. Bei meiner Ankunft im Camp sagt wir meine Reisegefährtin, sie wolle die zweite geplante Nacht nicht bleiben und wir könnten mit einer Gruppe Nationalparkler ins Dorf fahren. Schade, Ende des Abenteuers. Wollte bei der netten Nachbarin nochmal essen und mit ihr plaudern und das nötige Geld dalassen. Nochmal die Geräusche des Waldes hören, auch wenn es gruselig war. Auch bleibt so die nächste Wanderung von 2 Stunden ins Dorf auf der Strecke. Egal, wir sind ein Team, auch wenn heute kaum 15 Worte gefallen sind. Was fühlt sie? Mache ich etwas falsch? Ich frage und es kommt nichts. Wir kennen uns ewige Zeiten, nie war sie so tot und kalt. Ich muss alles organisieren, das ist schön, das macht stark und selbstbewusst, aber ich will mich auch mal fallen lassen, mich führen lassen. Ich will auch mal das zierliche Mädchen sein, welches ich bin. Ich sehne mich nach starken Armen, Hilfe und Verständnis.
01.04. | Wir sind nach Tela an die Caribicküste gefahren. Am frühen Mittag schlagen wir im Garifuna-Dörfchen Triunfo de la Cruz auf. Sonntag, halb Honduras ist am Strand und davon hat ein Viertel den Sonntagsrausch. Unterkünfte gibt es so gut wie nicht, die leeren sind richtig Pfui. Also sind wir per Anhalter zurück nach Tela. Susanne hatte hier auch eine Adresse einer deutschen Frau von ihrer Vermieterin. Die Adresse war so mies, dass uns keiner der Weg nennen konnte (auch die Post am nächsten Tag hilft uns nicht weiter). Also ins Hotel Mar Azul. Sauber. Günstig. Ich schmeisse mich noch an den Strand, von dem die einheimischen Sonntagsgäste langsam abziehen. Müll hinterlassen sie bis zum Horizont.
Am Abend und ausgiebig am Morgen ein Stadtrundgang. Tolle Gemüse- und Obststände. Ein Laden am anderen und die zündende Idee kommt mir und ich kaufe Schleifpapier für meine Kokosnüsse.
Der Dienstag beschert mir ein neues Schmankerl. Ich mache eine Kajak-Mangrovenwald-Tier-Tour im Parque Izopo, 16$. Susanne geht in einen botanischen Garten. Ich sehe weder Affen noch Alligatoren, und es ist trotzdem superschön und das Einerkajakfahren macht viel Spass. Zwei in der Gruppe kentern und werden ausgiebig ausgelacht. Danach machen wir eine Pause am nun absolut menschenleeren Strand von Triunfo. In der Sonne und in der Hängematte abhängen. Am Abend kaufe ich ein paar Karten, die hässlichsten der Welt, und schreibe ein Wenig Urlaubsgrüsse. Auf dem Markt schiesse ich Fotos und erfahre dabei von einer deutschen Silvia, von einem Rohrzuckerverkäufer, der unbedingt mit seinem Zuckerberg abgelichtet werden will. Am Abend ziehen wir los und fragen uns bis zu Silvia durch und tatsächlich am letzten Ortsende gefunden. Sie ist zu Haus, freut sich, bittet uns herein, richtet gerade Zimmer für Gäste her und ist dabei eine Pension aufzumachen, mit Garten und Bar. Das wird schön.
Am Mittwoch nehmen wir den Schnellbus nach Tegucigalpa. Weiter nach San Marcos. Abends um sechs sind wir da, quasi Honduras längs durchfahren. San Marcos ist ein netter, sauberer, idyllischer Ort. Wir kommen wieder günstig und supereinfach unter, hinter der Ladentheke einer alten Frau, sozusagen. Nennen wir es Privatpension, ein Hotelname existiert nicht. Ich handle auf 5 DM/Nase herunter. Susanne findet es schrecklich. Bad mit Dusche draussen.
Am nächsten Morgen zur Bank und dann zur Hauptstrasse zur Grenze, dachten, da warten wir mal kurz auf ein Taxi oder auf einen vorbeifahrenden Pickup. War nix und wir liefen mit schwerem Gepäck 2 Kilometer. Weichlinge. Dann hält ein Viehlaster. Wir steigen mühseligst über die Seitenwand und von oben in die leere Ladenfläche. Sind wir bekloppt? Kann man so mal kurz entführt oder belästigt werden? Mist. Der könnte überall mit uns hinfahren, wir würden alleine, geschweige denn mit unserem Gepäck, nie mehr rauskommen. Natürlich geht es gut und wir fahren die 10 km bis zur Grenze. Der Fahrer hat seine Freude, will nicht mal Geld und wir haben ein weiteres Abenteuer in der Tasche. Keine Grenzschwierigkeiten. 1,20 DM in Honduras, 7$ in Nicaragua.

Latina America/Guatemala 2001 – Teil 1/4

Digitalisierung des Reiseberichts
11. März 2001 | Susanne und ich verlassen unsere Heimatstadt und schon 20 Stunden später sind wir in Antigua/Guatemala mit einem kurzen Stopp in Atlanta/USA. In Guatemala City hatten wir bereits nach 12 Minuten völlig unproblematisch Geld gewechselt, setzten unsere Rucksäcke auf und fuhren mit einem Shuttle-Taxi nach Antigua. Sofort hatten wir ein Hotelzimmer für die Nacht, indem wir uns für den sympathischsten Helfer entschieden und uns vertrauensvoll in seine Hände begaben. Eine Spanisch-Sprachschule war noch am Abend organisiert, sowie die Unterbringung bei einer Familie für die nächste Woche. Glück braucht der Mensch, wir haben uns für den Richtigen entschieden. Tag 1 lief perfekt. Wir schliefen kurz, aber tiefst.
Die Sprachschule war genial und meine Lehrerin für meinen gebuchten Einzelunterricht Sympathie pur. Es gibt nur eine Sprache: Spanisch. Jedes Wort, welches ich nicht kenne, kann sie so perfekt in einfachen Worten erklären, dass ich kein Wörterbuch benötige. Unglaublich. Wir lachen viel, reden viel und ich lerne viel. Die Hausaufgaben laufen locker von der Hand. Der erste Mittag schenkte mir einen planlosen Spaziergang durch die Strassen von Antigua und ein stundenlanges Sitzen auf der Parkbank, auf der ich einfach nichts tat. Kein Gedanke erfüllte mich, kein Gedanke an zu Hause. Susanne wollte am Abend unbedingt Emails schreiben und ich lies mich breitschlagen es auch zu tun. Ok, es ist für meine Lieben zu Hause eine Beruhigung von mir zu hören. Aber der Rest ist mir egal, ich bin weg. Relaxt. Entspannt. Was bedeutet mir ein Problem.
Tag 3 | Gymnastik am Morgen. Schule. Mittagessen. Besuch einer Jade-Werkstatt mit Museum. Spaziergang. Endlich zu „meiner“ Parkbank – um das geliebte Nichts zu tun. Susanne redet von Ausflügen, von Weiterreise, von Kultur, vom Reiseführer lesen.

Wohin zieht es einen Menschen?
Wohin, wenn hier die Ruhe ist?
Wohin, wenn keine anderen Orte locken?
Wohin, wenn der Kopf weit weg vom Reisen ist?
Wohin, wenn Nichts tun wichtig ist?

Ich lebe bei einer einfachen Familie. Susanne bei einer anderen. So sollen wir mehr spanisch reden und nicht nur miteinander, so riet uns die Schule, gelebte, bewährte Praxis. Bei mir: Frau (Carla), zwei Kinder, ein Hausmädchen. Alle des Lebens froh in ihrer Einfachheit. Eine Dusche, eine Toilette für uns alle. Ein Waschbecken, ein Trog, gefüllt mit Wasser, für alle. Das Zahnputzwasser wird aus dem Trog geschöpft, sowie das Wasser zum Waschen der Wäsche. Wer braucht mehr? Vermisse ich etwas? Was war es noch gleich? Keine Erinnerung. Will ich zurück in (m)einen Luxus, der weit hinter mir liegt? Wie gehe ich den Weg, die weitere Reise zu planen? Heute Mittag wie trunken durch die Strassen gelaufen. Gelacht, gekichert, erfreut an einem Einkauf eines Schreibblocks und eines roten Kugelschreibers. Welch unnötig Ding zum einen, welch Spass zu kaufen, für meine Lernstunden. Will Ordnung bringen in meine Unterlagen, ein loses Blätterchaos. Welch unnötig schöne Aufgabe. Es sein lassen? Zu was Ordnung? Für wen? Blätter in allen Richtungen vollgekritzelt.
Anmerkung 2012 beim Digitalisieren dieses Reiseberichts: Aus diesen Aufschrieben lebe ich noch heute, es sind die besten Grammatikzusammenfassungen, die ich je fand oder die man mir in unzähligen anderen Kursen vermitteln wollte.
Tag 4 | Ist es nicht genug zu essen und zu trinken? Wer verpflichtet mich Kulturdenkmäler zu betrachten? Muss ich in Museen? Ist es nicht genug die Lebenden zu betrachten? Am Leben teilzuhaben? Muss ich mich unterhalten? Muss ich unterhalten werden? Was sind das für Zweifel an diesem Muss? Zieh mich raus – wer auch immer. Ist diese schmuddelige Wand mit Rissen im Mauerwerk, die vom Leben erzählen, vor mir nicht schön? Das alte Kalenderblatt nicht wertvoller als ein Gemälde?
Tag 5 | Wie gerne wäre ich alleine. Susanne behindert mich in keinster Weise, regt mich nicht auf, stört mich nicht. Und doch würde ich gerne alleine schlendern. Versinken, meinen Gedanken nachhängen. Heute habe ich mich mit meiner Lehrerin über Politik unterhalten, da heute Nachmittag ein Film über einen Militärputscher gezeigt wird. Sehr interessant. Die Sprache auf diese Art zu lernen, ist fantastisch. Ich fange schon an in Spanisch zu denken. Nach den paar Tagen…, aber das ist der Punkt, ich lebe momentan hier. Gestern Abend hatten wir im Haus Besuch. Wir waren 5 Studierende, die Hausfrau und ihre Mutter (beide auch Lehrerinnen). Es ist verblüffend, wieviel ich verstehen kann.
Ich hoffe sehr, dass nach Antigua die Chance zu sprechen und zu lernen nicht geringer werden.
Es ist unglaublich, Susanne ist nicht abgeneigt, eine weitere Woche zu bleiben. Sie hat mit Spanischlernen bei Null angefangen und sieht bereits tolle Erfolge und hat nun Spass an der Schule. Morgen wollen wir bis Sonntag einen Trip in die Natur machen. A ver que pasa!
17.03. | Ein Tag, erfüllt mit Eindrücken und doch so tranquilo. Viel gesehen und doch völlig ausgeruht. Heute habe ich meine erste eigene Kokosnuss gekauft. Ich schmiss sie vors Hotelzimmer und sie bekam einen Bilderbuchriss. Sie schmeckte klasse, ich habe sie innen und aussen supersauber gemacht. Mal sehen, was für wen daraus entsteht. Ein Gefäss mit Deckel.
Coban besteht, wie fast jede Stadt in Süd-/Mittelamerika, aus Markt und Läden. Es hat fast keine Touristen und es ist selbst für mich ein bisschen komisch hier zu laufen. Ich lasse mir nichts anmerken und schlendere meines Weges. Haben die Sicherheitsfanatiker es geschafft mich zu verunsichern? Niemals.
Eigentlich ist es angenehm diese zwei Tage geführte Rundreise. Endlich Geld zu haben und im Urlaub nicht kniggern bis zum letzten Pfennig. Eine Leistung kaufen. Wir haben doch so viel. Ist es wirklich wichtig, dass wir gerade zwei Zimmer bezahlen und nicht bei unseren Familien beim bezahlten Essen sind? Für mich völlig unwichtig. Interessant, wie die Zeiten sich wandeln. Für mich ist es eher schön, dass meine Gastfamilie nun Geld bekommt und für mich nichts einkaufen muss. Carla hat am Samstag Geburtstag und sie hat kein Geld jemanden einzuladen. Pero ahora es tiempo para ir a la cama.
18.03. | Heute waren wir im „Biotopo del Quetzal“. Es war schön 2 Stunden durch den Wald zu laufen, grün und grün und grün. Von den Vögeln Quetzal haben wir nur 2 gesehen, ein Männchen und ein Weibchen. Und das nicht mal im Biotop, sondern davor, beim Frühstücken. Wirklich schöne Vögel. Grün und rot, klein wie eine Elster, aber das Männchen mit einem meterlangen grünen Schwanz.
Der Rückweg war lang und holprig. Zu Hause grosse Wäsche, alles stand vor Dreck. Nun sitze ich hier im letzten Shirt und kann nicht auf die Strasse, weil es mich dann friert in der Abendkühle, ohne Jacke. Nein, bis dato war es mir nicht zu warm. Gestern ein bisschen Sonne bei Languín (Höhle) und Semuc Champey (Wasserterrassen). Tolle Ausflugsziele!
Zu Hause wohnen 2 Neue. Julia aus Dänemark, sehr jung. Denis aus Frankreich, perfektes spanisch. Neid. Nun lerne ich noch ein Wenig, trinke Schnaps und esse Kekse, weil es heute in der Familie nichts zu essen gab, warum auch immer.
19.03. | Heute haben wir eine spontane 3,5-Stunden-Wanderung gemacht. Ins Grüne und in die Berge. Wir kamen durch ein Gelände mit drei Schwimmbecken, Spielplatz und vieles mehr. Kein Mensch. Das Wasser kommt aus den Bergen und ist eiskalt, hier ist nur im Hochsommer jemand.
Mein Tatendrang kehrt zurück. Morgens mache ich immer 30 Minuten Gymnastik, danach Dusche, Frühstück, Schule. Meine Lehrerin fordert mir viel ab. Mein Kopf raucht vor sich hin, was natürlich Sinn der Sache ist.
20.03. | Heute Mittag machten wir von der Schule aus einen Rundgang auf den Aussichtspunkt „Cerro de la Cruz“. Ein Polizist begleitet uns, es soll da oben sehr gefährlich sein. Selbst Jogger sollen der Uhren und der Schuhe beklaut werden. Es sind nur wenige Meter durch den Wald und wir sehen niemanden…
22.03. | Ciudad Vieja, zu Fuss. Ein Marsch von ca. 13 km. Es ist eine andere Welt und doch nur ein Nebenort von Antigua. Die Frauen tragen unglaubliches auf den Köpfen: Schüsseln mit Bohnen, Berge von Wäsche, Holz für den Herd. Wie passt das zusammen? Herdholz und Fernsehgeräte? Viele sind so arm, dass sie ihre Kinder statt zur Schule zum Verkaufen auf den Markt schicken. Auch, weil sie kein Geld für die Schuluniform haben. Über 50% der Guatemalteken sind noch immer Analphabeten. Meine Lehrerin erzählt mir alles über Land und Leute. Schade, nur noch ein Tag Schule.
Wir lesen die Zeitung. Heute Nacht wird die MIR in Riesenstücken auf die Erde stürzen. Ich hoffe für die südliche Halbkugel, dass nichts passiert.
Heute gehört der Abend den Bars, für die Susanne leider nicht geschaffen ist. Sie will sehr früh nach Hause. Ich möchte Salsa tanzen und kann es nicht.
24.03. | Ich versuche in Spanisch zu denken. Suche Worte und Sätze.
Samstag | Wir waren auf dem Vulkan Pacaya. Ein Aktiver. Der Spass dauerte mit der Busfahrt 8 Stunden und hat sich gelohnt. Die Guides, die einen hinaufgeleiten, erzählen uns, dass der Aufstieg bis ganz oben nicht alle Tage machbar ist. Es wird ständig am Berg gehorcht. Rumpelt es zu stark im Inneren, darf er nicht bestiegen werden. Immer wieder schiessen auch grössere Steine aus dem Krater. Der ganze Weg hinauf hat der Boden warme und heisse Stellen. Es raucht hier und da unter Steinen hervor. Der letzte Aufstieg zum Krater war ein echtes Wegverdienen. Oben rauschte die Lava 50 Meter unter mir. Ich, stehend am gelbgeschwefelten Kraterrand, unter mir ein Brodeln direkt aus dem Leibesinneren der Mutter Erde. Beisende Dämpfe in der Nase und den Augen, nur keinen freien Blick auf die rotglühende Masse verpassen. Atemberaubend – buchstäblich.
25.03. | Mit einem Chickenbus haben wir Antigua in aller Frühe verlassen. Wir sind in Panachajel in ein Boot gestiegen und sind am Etappenziel San Pedro am Atitlan-See angekommen. Hier haben wir ein Zimmer für 3 Nächte und zahlen 5,50 DM/Nase und Nacht. Susanne war heute wieder ausgesprochen ruhig und eingeschüchtert. Es sei die Veränderung. 4 Stunden haben wir die Gegend und den Ort erlaufen. Zum Abendessen gab es eine superdulce Piña und Kekse. Hier soll man alles mit Führer machen, es sei gefährlich. Die Leute sehen so friedlich aus, nicht einschätzbar. Grillengezirpe, ein Hund bellt, Fliegen im Licht, Gitarrenspieler, leichtes Rauschen des Sees, ein Auto. Gefahr? Friedliches Miteinander? Waffen in der Indio-Tracht? Ruhe in mir. Wir nehmen keinen Führer.
26.03. | 11 Stunden geschlafen. Dann losmarschiert, am See entlang, über Stock und Stein kletternd, Richtung Santiago. An einem einsamen Strand geruht. Der Weg hörte letztendlich ganz auf, wir machten einen Versuch den Hang hinauf, aussichtslos. Also zurück. Deswegen den Führer? lach. Es war sehr schön und wir sind mächtig eingestaubt. Die Frauen hier waschen alles im See und legen die Wäsche zum Trocknen auf Steine, Büsche, Mauern. Jede deutsche Hausfrau würde den Horror bekommen.
Abends schaukle ich in der Hängematte. Riesige Vögel ziehen vorbei, das Gefieder gespreizt wie Adler.
28.03. | Sonnenbrand, Frieren, kalte Füsse, Kopfweh, schlecht geschlafen. Wir wanderten früh los, nach Santiago Atitlán. Anfangs dachte ich, ich kann die erste Steigung nicht bewältigen, irgendwann war ich eingelaufen. Die Tour lies uns stramme 6 Stunden wandern. Die letzten 3 Kilometer musste ich dann doch einen Pick-up entern. Die Füsse konnten nicht mehr. Die Meinungen der Einheimischen gehen weit auseinander was Entfernungen angehen. Nein, 8 km ist nicht gleich 30. Zurück ging es nach San Pedro mit einem Boot. Am nächsten Morgen verliesen wir San Pedro, ebenfalls per Boot, zurück nach Panajachel. Von hier mit einem günstigen Chickenbus nach Guate. Wir speisen bei MacDonald und kommen pünktlich zum Reisebus nach Chiquimula. Alle rund um den Bus sagen, er fährt bis zur Grenze Honduras, war aber nicht so. In Chiquimula stiegen wir wieder auf einen transporte publico um und brauchten weitere 2 Stunden bis El Florido. Der Bus hielt alle 200 Meter, lies Leute ein- und aussteigen und einkaufen und brauchte viermal Wasser für den Motor. In Grenznähe war es leicht unheimlich. Ich hatte dauernd die Leiter zum Busdach im Auge, auf dem unsere Rucksäcke ruhten. Die Grenzformalitäten waren locker. Susanne tauschte auf mein Anraten die letzten 30 Quetzal in Lempira um. Mit einem Pick-up fuhren wie die letzten 12 km bis Copán Ruinas. Ab Panachajel kostete so die Fahrt 17,80 DM statt mind. 45$. 40$ gespart und was erlebt.