Das Baltikum, anders, auf 2 Rädern erlebt

Kiel, nie dagewesen und auch dieser Besuch lässt mir keine Zeit irgendetwas zu sehen. Ich treffe auf die Gruppe, werde von René herzlich begrüsst und bald geht es gemeinsam zum Fährhafen. Das Einchecken dauert seine Zeit, lässt so aber auch Zeit für ein Antasten, Kennenlernen, Beschnuppern. Die Fähre ist klein und so auch gemütlich, die Bar wird in Beschlag genommen und nach vielen Bierrunden geht es in eine geräumige Kajüte und eine kaum schaukelnde Nacht. Der nächste Tag gehört dem Lesen und dem Dösen an Deck bis uns nach 22 Stunden die Nacht, die Küste von Litauen und auch unser Tourguide empfängt. 10 Tage mit dem Motorrad liegen vor mir. Land, Leute, Abenteuer, Geschichte in den baltischen Staaten Litauen, Lettland, Estland.

Die Strassen sind besser als ihr Ruf, sie sind oft uneben, selten richtig schlecht. Da kenne ich in Deutschland ganz andere Ecken. Aber wir leben ja auch in Jawirhabenleiderkeingeldfürstrassenbauundsanierungsdeutschland und Wirsubventionierengernedieeuländerdamitunseremotorradfahrerdortspasshaben.

Die Wälder begleiten Kilometer für Kilometer. Oft geht es lange, sehr lange, geradeaus und ich vertreibe mir die Zeit mit dem Betrachten der Bäume. Weissstämmige Birken bilden romantische Wäldchen, hochstämmige Kiefern und Fichten bilden endlose Reihen und verlieren sich in immer dunkler werdenden Schatten. Fortan Spargelwald genannt. Ihre Füsse werden von Busch- und Blattwerk gewärmt. Ihre Wipfel ragen in täglich blauen Himmel. Ich stelle mir vor, wie ein Elch hindurchtrabt, wie die Hunderte von hier lebenden Vogelarten vorbeizwitschern und hänge meinen Gedanken nach. Das Fahren erfordert wenig Konzentration und ich bin froh meine Position als Zweitletzter, vor unserem Chef René, gefunden zu haben. Auf endlosen Geraden ziehe ich gerne Slalom in den Asphalt und übe mich dabei sauber die Mittellinie zu fahren. Ich singe ein Lied und wippe mit den Füssen. Das Grün tut der Seele gut und das entspannte Fahren ebenso. So bleibt auch Zeit über all diese Daten, Fakten, Geschichten und Legenden nachzudenken mit denen unser Guide Dmitri unsere Köpfe bei jedem Stopp füllt. Oft sind auch die Tankstopps nicht ganz frei von einer spannenden Geschichte. Ein wandelndes Lexikon, ein wahrlich Belesener, ein Historiker, ein Wahl-Balte, ein Mann mit Witz und Anekdoten, wie man ihn sich hier besser nicht wünschen kann.
In Kolkasrags geniesen wir die Ostsee, in Sigulda laufen wir auf der olympischen Winterbobbahn, manch einer (ich, klar) besteigt jeden möglichen Turm um die Weite in diesen drei superflachen grünen waldreichen Ländern wahrzunehmen. Kein Turm ist es nicht wert hinaufzusteigen. So schaue ich über den riesigen Peipussee (Peipsi järv) hinüber nach Russland, welches diesig sichtbar am anderen Ufer liegt. Ich schaue hinunter auf das malerisch modernmittelalterlich da liegende Tallinn und auf die Dächer von Cesis.

Plötzlich riecht es nach Meer und wieder breitet sich die Ostsee aus, um bald wieder hinter Bäumen zu verschwinden. Einzelne Holzhäuser streuen sich in die Landschaft. Die Gärten sind Parkanlagen und Blumen in allen Farben verschönern jedes Grundstück. Hier ist wohl jeder Gärtner, mit Geschmack und Sinn für das Schöne. Die Natur ist das zentrale Thema im Baltikum.
Beeindruckend auch Riga mit seinem neu aufgebauten Zunfthaus, seinen Einkaufsstrassen, Strassencafes und seinem Keller von 1293. Vor erst 10 Jahren wurde er durch Zufall gefunden. Gotische Fresken mit mittelalterlicher Musik lässt uns bei Kerzenschein zum Honigbier niedersitzen. Faszinierend Vilnius, hier möchte man Tage zubringen, all diese Kunst, die Gebäude, die Kirchen, die Denkmäler. Spannend der privat organisierte Museumpark Gruto an der russischen Grenze, indem all diese Stalins, Lenins, Marks und monumentale Sowjetdenkmäler ihren Platz gefunden haben, nachdem die Unabhängigkeit 1989 ihren Anfang nahm und niemand mehr die Monumente der Sowjetunterdrückung sehen wollte. Technisch interessant das Cold War Museum, eines von 3 in der ganzen Welt, Gänsehautfeeling. Eine andere Welt in Jurmala, eine Party-Badestadt. Abschliessend die Kurische Nehrung, die riesige Wanderdüne, und das Haus von Thomas Mann. Deutschland, sein geschichtsträchtiger Einfluss ist allgegenwärtig, nie beschämend.

Unglaublich wie in diesen 25 Jahren 3 Länder aufgebaut wurden, in Prachtstücke verwandelt wurden, die Geschichte und Kultur lebt und Modernität allgegenwärtig ist.

Auf einer Skala von 1 bis 5, wobei 5 topp ist:

– Historie 5
– Landschaft 3-4
– Fahrvermögen 2 (2800 km entspannt leicht kurvig gefahren)

– Essen 4-5 (Mittags in der Hitze die köstliche kalte Rote-Beete-Suppe, abends den litauischen Kräuterschnaps 9×3=27 (26 Kräuter im Eichenfass gereift) nach einem guten Essen mit knackigem Gemüse und augenfreundlich angerichteten auf den Punkt gewürzten Leckereien)

– Leute 4 (zurückhaltend, aber immer freundlich)

Erwartungserfüllung: weit übertroffen

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