2 Paar Hände

Normal, dass das Unglück dieser Woche mich verstärkt an Menschen erinnert, die ich kannte und die nicht mehr sind. Ich verkrieche mich in der Arbeit, gehe alleine hinaus, will weder alleine sein, noch mit jemandem sprechen, habe Mühe mich auf etwas zu Hause zu konzentrieren. Terroranschläge begleiten uns, die Welt voller Kriege und vermeintlichem nicht funktionierenden blutvergiessenden Gegensteuern, Autounfälle, Krankheiten, Erdbeben. All das gehört leider zum Leben. Die Normalität ist Teil von Schmerz. Schmerz ist Teil von Normalität. Manchmal kann ich keine Nachrichten mehr aufnehmen, will mich verschliessen vor der Welt. So auch in dieser Woche der Gemeinheit von Einzelnen. Und ich denke an all die Angehörigen aller Gegangenen, an Hände, die sich berühren, die Trost spenden.

Und so denke ich an ein Dunkelkonzert, welches ich vor wenigen Wochen besuchte. Stockfinstere Dunkelheit, wir mussten im Gänsemarsch zu unserem Platz geführt werden. Ich merkte, wie ich leicht panisch wurde und die Frau hinter mir merkte es auch, sie machte Spässe und sie sass dann links neben mir. Ich sprach mit dem, den ich zu diesem Konzert begleitete, ein Freund, und meine Stimme kippte. Die Frau neben mir plapperte vor sich hin, zu mir, und nahm meine Hand. Sie erzählte, wie die Musikanten den Weg im Dunkeln finden und wie wir platziert sind in dem Raum. Ihre Hände waren die Hände meiner Mutter und ich beruhigte mich und hielt die Hand fest und dankte dieser fremden älteren Dame in der stockfinsteren Dunkelheit. Alle Angst wich von mir in diesen Händen. Ich genoss das Konzert und konnte mich auf die Töne einlassen. Wir gerne hätte ich öfter die Hände meiner Mutter genommen, ihre Ängste genommen. Wie gerne würde ich vieles anders gemacht haben.

Und so hoffe ich heute, dass jeder eines Tages eine Hand nehmen und eine Hand reichen kann, wenn es die Zeit erfordert.

Hierschau

Zeit - Bild von Dagi

Zeit – Bild von Dagi

Vorschau
Hierschau
Rückschau

Beim Zurückschauen höre ich immer dieses äusserst komische „fang nochmal von vorne an“, oft ist noch ein „ich“ davor.
Ja wie oft denn noch? Ist nicht sowieso jeder Tag neu und damit ein Neuanfang? Kann man (frau) nicht jeden Tag was aus und mit dem Leben meistern? Es fehlt doch höchstens an der Motivation, eigen- oder fremdgesteuert. In jedem Lebensabschnitt kann man jeden Tag neu anfangen. Im Sandkasten mit einem schönen Sandkuchen, später mit den Ausbildungen, später mit der Liebe, den Lieben, später mit neuen Zielen, später mit Kreativität, später mit Sinnieren, später mit Reisen, später mit Hierbleiben, später mit …. man kann immer neu anfangen. Wenn man das will. Wenn man in der Hierschau sieht, dass es eine Vorschau geben kann. Wenn man in der Hierschau sieht, dass in der Rückschau auch ein bisschen Vorschau war – und vielmehr ist. In der Rückschau war ja nicht alles schlecht, nur anders wie jetzt und anders wie morgen. Ob man dann irgendwann anders entscheidet ist ja in der Hierschau gar nicht sicher und in der Vorschau schon gar nicht. Wir haben ja einen Charakter. Mag er sein wie er will, aber er begleitet einen. Also macht man mit jedem guten Vorsatz des absoluten Neuanfangs wieder die selben Fehler, die sich erst in der Rückschau als Fehler herausstellen.
Die Scheisse der Vergangenheit (Rückschau) ist deswegen die Scheisse der Zukunft. Deswegen ist in der Hierschau jede Vorschau auf die Zukunft sinnfrei. Hey, gehen sie zurück auf Los und ziehen 4000 Euro ein (ähem, hat man Monopoly eigentlich auf Euro umgestellt? Und sind es jetzt 2000 Euro zum Einziehen?). Man kann nicht zurück über Los. Man kann nur vorwärts und jede Scheisse wird einen begleiten. Tag für Tag. Und jede Vorschau wird mit der Rückschau zur Farce. Die Hierschau lässt uns ausbluten. Ist es Apathie, die mich im Hier lässt oder das Fehlen der Vorschau ohne Einbezug der Rückschau? Kann doch unbemerkt ein Winkel einer Zelle Hoffnung in die Vorschau legen? In der Stille der Hierschau schreit die Frage nach der Vorschau.

Schwäche ertragen?

 

Zwei für Zwei

Zwei für Zwei

Weinen = Schwäche?
Weinen = Aufgeben?

Ich denke, wer weint, kann fühlen, kann sein Herz spüren, kann sich selbst gegenüber eingestehen, dass er lebt und liebt. Der weinende Mensch kann mit den Tränen erleben, dass er lebt, innerlich nicht tot ist.
Wenn ich meine Tränen auf meinen Wangen fühle, weiss ich, dass ich noch fühle.
Wenn ich Deine Augen feucht werden sehe, weiss ich, dass Du der fühlende Mensch bist, den ich in Dir zu sehen meine – und dass nichts daran falsch ist.
Ich suche Dich, ein Dich, dass nicht für mich existiert und ertrage mein Herz und meine Tränen und Deine Tränen.

La Gomera, ich bin mal weg (gewesen)

Ich laufe in der Dunkelheit, verlasse das schöne gemütliche Dörfchen Agulo. Immer hinauf bis kein Licht mehr zu mir dringt. Höre wunderschöne romantische Musik – Della Miles / die Scheibe Simple Days. Tanze mir ein paar Schritte, schaue hinüber übers Meer nach Teneriffa, atme das Meer ein und fühle es auf der Haut. Dieses angenehme leicht klebrige Salzwasser in der Luft.
Eine Woche Wandern geht zu Ende. Es tat gut und tat weh.
Trauer überkam mich über Schnuff, der diese Woche seinem Krebs sein Bestes gab: sein Leben. Der unendliche Sternenhimmel über mir hat diese Leichtigkeit, dass eine Träne über Schnuff sich in einen Stern für ihn verwandelt.
Freude überkam mich über so viele Freunde, Bekannte, Kollegen und Familie, die an mich dachten diese Woche. Ich wollte die Flucht und bin reicher beschenkt worden wie vielleicht Jahre davor, mit all den lieben Anrufen und Schreiben.

La Gomera, Du bist wild und schön. Lorbeerwälder, Kiefern, Lavagestein in allen Farben, Bananen und das Meer, welches laut rauschend die Steine bewegt. Ich möchte Dich wieder besuchen. Danke an Udo von Wanderflügel, für sein Fachwissen über jeden Stein und jedes Blatt und seine Freude dies zu vermitteln und für seinen Humor.
Und danke an Brigitte von der Eselsfarm, die mich heute 1,5 Stunden Massage geniesen lies, dass ich jetzt zurückblicken kann, mit geordneten Gedanken und spüre, dass ich einen Körper habe, der lebt und einen Kopf, der schönes sehen kann.

Das Ende der Sommerzeit nimmt und gibt

Eine Stunde mehr oder weniger, was macht das schon, wenn es innendrin dunkel ist. Vermissen. Der erste Schnee bedeckte das Grab und schmolz Farbe in den Boden beim Abkehren. Weisse und violette Erika gesellten sich zu den Brauntönen der neu gesetzten Steine. Ein Denkmal, dass ist es doch letztendlich. Dazu 2 Lebensbäume. 2 Steine. 2 Seiten. Tod und Weiterleben. Fertig. Eine blühende Oase im Weiss der Kälte. Eine blühende Oase für jemanden, der nicht mehr ist und der zu Allerheilgen, Allerseelen ein ordentliches Denkmal gewollt hätte und bekommen hat.

Ziel 2 von 3

der letzte Gang

Ich bin heute mit meinem guten Freund den letzten Gang mit seinem Vater gegangen. Es war sehr feierlich, schön und traurig. Mit dem Absenken der Urne in das Grab fielen viele Steine von den Herzen, es polterte spürbar. Auch bei Martin und seiner Mama. Meine Tränen flossen mit ihnen über die Ungerechtigkeit dieser Welt. Möge Herr S. in Frieden ruhen.

Dieser Song für sie von Loreena McKennitt: