Les Crestes – Syrah – 2008 – Priorat vs. Akif Pirincci

Nein, doppelt nicht.
Lese ich gerade im stern über den Autor Akif Pirincci. Deutsch-türkisch, egal, tut nichts zur Sache. Schrieb gerade einen Bestseller im vulgärdeutsch der Gosse, gegen alles und jeden, bissig.

Les Crestes, eigenes Dagibild

Les Crestes, eigenes Dagibild

Egal, grundsätzlich, aber ich trinke gerade einen Les Crestes aus dem Priorat. 60% Syrah, 20 Garnacha, 20 Carinena. Eine Kirschexplosion in meinem Mund. Die Nase voller Beere mit ein bisschen Toastbrot, noch ein Tick zu viel Alkohol im Geruch. Der 2008er hätte also noch liegen können. Im Mund lang und fruchtig. Voller Sonne und doch trocken.
Und dann Akif Pirincci: „als Wutbeschleuniger vertraut er auf Rotwein“. Bäh, Antipathie macht sich in mir, mit meinem Les Crestes in mir, breit. Wutbeschleuniger. Was trinkt der Mann für Brühen? Wenn ich einen Rotwein im Mund hätte, der Wut in mir entfacht, wäre er schneller den Spültisch runter, als man Wutbeschleuniger eintippen kann.
Weiter geht es mit „wenn er zwei Flaschen Rotwein drin hat, sympathisiere er mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“.
Bäh, der Typ geht gar nicht und die Leute kaufen das Buch wie Semmeln. Bedenklich.
Ich fühle mich gemobbt. Fühle mich als Rotweintrinkerin gemobbt, von vulgären Typen in Gossensprache. Fühle mich gemobbt als Autorin mancher kleiner Artikelchen, die kaum einer liest, was auch unwichtig ist, von einem Typen, der Rotwein als Gossensprachenbeschleungiger verwendet und damit fett Geld verdient. Bäh.

Der Les Crestes vom Weingut Celler Mas Doix, sage ich, bringt mich zurück auf den Boden, lässt mich Geschmack fühlen und Sonne spüren und die Schönheit einer Traube sehen, wie sie im Tau eines Morgens an der Rebe hängt und darauf wartet ein schöner Wein zu werden.

Der arme Mann. Ich verbleibe für heute in Mitleid (und 2 zwinkernden Augen), dass er „in Fäkalsprache über Frauen, Muslime und Schwule“ schreiben muss, um sich seine Wutbeschleunigerplörre kaufen zu können und keinen Sinn für Gutes hat. Pffffz.

was wieder bewiesen ist: ohne Wein ist das Leben lustlos und blass

Aaaah, was soll ich sagen… ja, es geht immer noch besser. Frau darf aber auch sagen: 20 von 20 Punkten sind eben 20 von 20 Punkten.

Wein!Zum den harten Tag zum Abend zur Nacht werden lassen, einen herrlichen Weisswein Dame Jeanne 2009 von der Bergerie du Capucin beim Pic Saint-Loup. Weich wie Sahne, kräftige Frucht, an warmes Badewasser auf der Haut wohlfühlend erinnernd. So vor 3 Jahren kam ich ganz zufällig an diesem kleinen feinen Weingut vorbei und probte mich durch und lagerte ein, ein bisschen weiss und rot. Danke an Monsieur Guilhem Viau an die köstlichen Proben damals.

Zum lustvoll ins Käsebrot beissen und ein wertvolles Gespräch führen einen Rotwein. Der Cuveé La Carissa 2007 aus dem Roussillon von Monsieur Razungles. Ich habe schon einmal über ihn geschrieben, 2012. Damals ein Gedicht, heute ein Gedicht mit dickem I-Pünktchen und frisch nachgekauft. Butterweich kräftig und gaumenumschmeichelnd, hineinschmatzend läuft er in die Kehle, singt dabei ein Lied und gluckst lachend in den Magen.

Genussstreiche in Kombi

Domaine de Rancy von der Cotes Catalanes/Frankreich – 2008 – 100% Mourvedre.
„Nur“ ein Vin de Pays. 11,80 Euro. Ein Gedicht. Weich. Vollnasig. Angenehm und süffig-trocken. Da sieht man wieder einmal, dass es weder grosse Namen noch grosse Geldbeutel braucht um einen herrlichen Wein zu bekommen.

Grandessa Oblaten Lebkuchen von Bahlsen. Lecker, aber zu toppen. Sollten weicher sein. Weniger krümmelig im Mund. Wundervoll schokoladig-würzig in der Nase. Zu früh im Jahr, aber ein Freund sagte mir, man muss Lebkuchen frühstmöglichst kaufen und essen, da sie da noch frisch sind. Vor undenklichen Zeiten hatte ich einen Ferienjob bei einem äusserst namhaften viereckigen Schokoladenhersteller. Ich sortierte Nüsse von Hand, verpackte Tafeln und sortierte Bruch aus. Nein, ich nahm keine 17 Kilo zu *grins* und der Schokogeruch vergeht ganz schnell, wenn man mittendrin arbeitet. Danach jedoch konnte ich monatelang keine Schokolade mehr essen – aus dem einfachen Grund: alles aus dem Supermarkt, auch die leckeren viereckigen, schmeckte einfach alt. Nichts kam mehr an den leckeren Schokogeschmack frisch aus der Maschine heran.
So muss das ja logischerweise auch mit Lebkuchen sein. Also ran, auch wenn erst Oktober ist.

Musik: Grave Digger und Creed. Laut. Ja, manchmal muss der alte, verdammt gute Metall raus.

Alles drei zusammen? Zum Herbst einläuten die optimale Kombi! Nachmachen und nächstens nochmal üben.

die Gruselweinprobe

Bei einem Bekannten geholfen den Keller zu räumen: dabei kamen Weinflaschen hervor, die hier ein paar Jährchen lagerten. Jahrgang 1983-1990. Liegend im Ziegelstein. Keller, also meist gleiche Temperatur, lichtgeschützt, dicke Staubschicht.

Wir haben diese deutschen Weissweine mit nach Hause genommen und im Vergleich getrunken (also, will sagen, im Vergleich gerochen, begutachtet und teilweise in den Mund genommen und ausgespuckt).

 

2x Riesling: Konsistenz dick und geht Richtung Dessertwein aber nicht süß. Strenger Geruch. Nicht wirklich umgekippt oder sauer aber jenseits von trinkbar. Keinerlei Riesling-Spritzigkeit.

2x Müller-Thurgau: Beide gammelig, keine Chance meinen Mund zu erreichen. Bäh.

Perlwein und 2x Weiss: Ganz gruseliger Geruch und das rote Gummi des Schraubverschlusses hat sich in der Perlwein-Weinflasche deformiert abgesetzt.

Wir lernen: Diese Weine waren nicht zum Einlagern. Wer hätte das gedacht *hihihihi*. Was haben wir gelacht und uns gleichzeitig gegruselt.

eine Landschaft trinken

Wein hat mit Gefühl zu tun. Man trinkt die Landschaft mit.
von Arno Landerer

(Quelle für das Zitat: http://www.tour-du-vin.de, ich selbst konnte es sonst niergends finden. Dabei stellt sich mir auch die Frage, wann ein Zitat zum Zitat wird. Wenn es oft genug dupliziert wurde? Nur wenn es vom Schreiber selbst im Web aufgeschrieben wurde? Was ist dann aber mit den mündlichen Zitaten? Darf es die dann gar nicht geben? Was ist mit den Zitaten, die vor dem Web-Zeitalter aufgeschrieben wurden? Woher weiss ich, dass es richtig wiedergegeben/abgeschrieben wurde?)

Genauso wie in dem „Zitat“ erging es mir heute. Bei einer Weinprobe habe ich den La Carissa 2003 von Alain Razungles/Domaine des Chênes (Frankreich, Roussillon) kennengelernt. Kräuter, Boden, grün, Sträucher, Weite assoziiert mein Gehirn. Nicht Wein, rot, Traube.
Sehr spannend, ein unheimlich schönes Genusserlebnis und ein toller Wein noch dazu.

Was ist ein Weinkenner – Teil 3

Zweifellos ist es möglich das Riechorgan mitten im Gesicht, oder besser gesagt, den Geruchssinn zu schulen. Wir können lernen wie Zeder, Erdbeere, Tabakblatt, Blut, Erde und Schiefer riecht. Das Problem ist nur, dass jeder Wein viele Gerüche in sich vereinbart. Das Differenzieren kann auch gelernt werden. So liegt es mir also nicht an, die Worte eines Weinkenners als Quatsch abzutun, wenn er mehr riecht als ich. Es ist eine Frage der jahrelangen Schulung, kostet also nicht mehr als Zeit.
Ähnlich, jedoch nicht gleich, ist es mit dem Geschmack. Erlernbar. Mit ähnlich, glaube ich, dass im Geschmack immer ein bisschen Mensch mit einfliesst, was gegessen wurde, wieviele Weine am Stück verköstigt wurden oder ob man den ein oder anderen Geschmack mag oder nicht. Ich glaube, dass der Einfluss größer ist als beim Riechen, ohne das ich das genauer erklären kann (noch nicht). Vielleicht liegt schon allein viel daran, dass man Wein in aller Regel öffnet um zu trinken, nicht um ausschliesslich zu riechen.
Zur Kunst wird das Ganze erst beim Zu-Papier-bringen. Das blumige Umschreiben des erschnüffelten und geschmackofatzten.
Hier zeigt sich der Weinkenner aber auch nur, wenn es Leute gibt, die es nachriechen/-schmecken können. So trennt sich die Spreu vom Weizen, will sagen, es trennt sich der, der die Feder gut führen kann von dem der nachvollziehbar schreibt. Es bleibt mir also nicht mehr, als meine Organe so zu schulen, dass ich Zeder rieche, wenn ich Zeder riechen soll.
Bis dahin bleibt meine Nase Zufallstreffern vorbehalten?
Meine Verköstigungen beschränken sich auf wenige Worte und ich mache mir nicht die Mühe nachzulesen, was ich riechen und schmecken soll.

Was ist ein Weinkenner – Teil 2

Nach Teil 1 habe ich weitergelernt. 15083 Weine der ganzen Welt, die in 2010 auf den Markt kamen und von Wine Spectator 01/2011 verköstigt und bewertet wurden:

D.h. für mich, es muss sich um eine bunte Vielfalt an Jahrgängen handeln. Vielleicht so 2006 bis 2010. Da hat der Wine Spectator eine Höllenarbeit geleistet und ich schätze diese 15083 Weine sind noch immer nur ein Bruchteil von dem, was wirklich 2010 auf den Markt kam. Kleinstweingüter und abgelegene Regionen und solche, die nur im Land oder nur im eigenen Ort verkaufen sind sicher nicht dabei.
So, das heisst, ich kann es unserem Weinkenner wieder einfach machen und ihm zur Verköstigung ein paar dieser Weine vorsetzen – mit den 15083 Beschreibungen. Wird er in der Zuordnung scheitern?
Es heisst, dass ein guter Verkoster den Weinberg schmeckt. Aus K&U 3/2011: „vom Rebschnitt, der für den Ertrag entscheidend ist und damit für die Konzentration und innere Dichte, über die Bodenbearbeitung, die für den Wasserhaushalt entscheidend ist und damit für Stressfaktoren wie Bitterkeiten etc., bis zu Blattwerksteuerung und Reberziehung, die für die Phenol- und Tanninqualität entscheidend sind. (…) riechen und schmecken, ob er maschinell oder von Hand gelesen wurde, ob er aus Hochertrag, schlechtem Lesegut und unambitioniert technischem Ausbau im Keller stammt. (…) Er kann beurteilen, ob ein Wein von alten Reben stammt, aus gesund gelesenen, perfekt reifen Trauben gekeltert wurde, der Most spontan vergoren und anschliessend lange auf der Hefe gelagert wurde.“
Wow! Die(se) Sensorik ist mit Sicherheit schulbar, daran besteht kein Zweifel. Vor dem, der sich das angelernt hat, der tausende und abertausende von Proben probiert hat und lernte was er schmecken soll, habe ich jeden Respekt. Wie lernt man all die Böden, die Möglichkeiten der Mischungen, all die Punkte aus dem obig zitierten K&U-Artikel in seiner Potenzierung und vor allem gegenseitigen Beeinflussung – weltweit? Irre.

Kopie aus Zeitung

Von den 15083 Weinen sind unter 2%, die zwischen 95 und 100 Punkte bekommen haben. Übrigens herausragend Deutschland mit 4%. Unser Riesling bleibt beliebt – aber das am Rande.
D.h. ich könnte dem Weinkenner auch nur die damit ca. 250 bestbewertesten Weine hinstellen. Wahrscheinlich wird er gute Chancen haben. Also, was ist ein Weinkenner? Der, der eine langjährige Sensorikschulung hinter sich hat. Der, der die kleinste noch vorhandene Nuance des Weinbergs im Wein nach der Kellerarbeit und nach der Lagerung noch entdeckt. Ist denn das alles möglich? Oder nur bei ganz typischen Weinen? Oder bei absoluten high price Tropfen, wo man sich so vorstellt, dass nichts „verfälschendes“ drin ist bzw. drin passiert ist. Es fällt mir schwer das zu greifen, jedoch glaube ich es, da ich es glauben muss.
Schon bin ich schlauer und beginne mit Teil 3.