Latina America/Guatemala 2001 – Teil 1/4

Digitalisierung des Reiseberichts
11. März 2001 | Susanne und ich verlassen unsere Heimatstadt und schon 20 Stunden später sind wir in Antigua/Guatemala mit einem kurzen Stopp in Atlanta/USA. In Guatemala City hatten wir bereits nach 12 Minuten völlig unproblematisch Geld gewechselt, setzten unsere Rucksäcke auf und fuhren mit einem Shuttle-Taxi nach Antigua. Sofort hatten wir ein Hotelzimmer für die Nacht, indem wir uns für den sympathischsten Helfer entschieden und uns vertrauensvoll in seine Hände begaben. Eine Spanisch-Sprachschule war noch am Abend organisiert, sowie die Unterbringung bei einer Familie für die nächste Woche. Glück braucht der Mensch, wir haben uns für den Richtigen entschieden. Tag 1 lief perfekt. Wir schliefen kurz, aber tiefst.
Die Sprachschule war genial und meine Lehrerin für meinen gebuchten Einzelunterricht Sympathie pur. Es gibt nur eine Sprache: Spanisch. Jedes Wort, welches ich nicht kenne, kann sie so perfekt in einfachen Worten erklären, dass ich kein Wörterbuch benötige. Unglaublich. Wir lachen viel, reden viel und ich lerne viel. Die Hausaufgaben laufen locker von der Hand. Der erste Mittag schenkte mir einen planlosen Spaziergang durch die Strassen von Antigua und ein stundenlanges Sitzen auf der Parkbank, auf der ich einfach nichts tat. Kein Gedanke erfüllte mich, kein Gedanke an zu Hause. Susanne wollte am Abend unbedingt Emails schreiben und ich lies mich breitschlagen es auch zu tun. Ok, es ist für meine Lieben zu Hause eine Beruhigung von mir zu hören. Aber der Rest ist mir egal, ich bin weg. Relaxt. Entspannt. Was bedeutet mir ein Problem.
Tag 3 | Gymnastik am Morgen. Schule. Mittagessen. Besuch einer Jade-Werkstatt mit Museum. Spaziergang. Endlich zu „meiner“ Parkbank – um das geliebte Nichts zu tun. Susanne redet von Ausflügen, von Weiterreise, von Kultur, vom Reiseführer lesen.

Wohin zieht es einen Menschen?
Wohin, wenn hier die Ruhe ist?
Wohin, wenn keine anderen Orte locken?
Wohin, wenn der Kopf weit weg vom Reisen ist?
Wohin, wenn Nichts tun wichtig ist?

Ich lebe bei einer einfachen Familie. Susanne bei einer anderen. So sollen wir mehr spanisch reden und nicht nur miteinander, so riet uns die Schule, gelebte, bewährte Praxis. Bei mir: Frau (Carla), zwei Kinder, ein Hausmädchen. Alle des Lebens froh in ihrer Einfachheit. Eine Dusche, eine Toilette für uns alle. Ein Waschbecken, ein Trog, gefüllt mit Wasser, für alle. Das Zahnputzwasser wird aus dem Trog geschöpft, sowie das Wasser zum Waschen der Wäsche. Wer braucht mehr? Vermisse ich etwas? Was war es noch gleich? Keine Erinnerung. Will ich zurück in (m)einen Luxus, der weit hinter mir liegt? Wie gehe ich den Weg, die weitere Reise zu planen? Heute Mittag wie trunken durch die Strassen gelaufen. Gelacht, gekichert, erfreut an einem Einkauf eines Schreibblocks und eines roten Kugelschreibers. Welch unnötig Ding zum einen, welch Spass zu kaufen, für meine Lernstunden. Will Ordnung bringen in meine Unterlagen, ein loses Blätterchaos. Welch unnötig schöne Aufgabe. Es sein lassen? Zu was Ordnung? Für wen? Blätter in allen Richtungen vollgekritzelt.
Anmerkung 2012 beim Digitalisieren dieses Reiseberichts: Aus diesen Aufschrieben lebe ich noch heute, es sind die besten Grammatikzusammenfassungen, die ich je fand oder die man mir in unzähligen anderen Kursen vermitteln wollte.
Tag 4 | Ist es nicht genug zu essen und zu trinken? Wer verpflichtet mich Kulturdenkmäler zu betrachten? Muss ich in Museen? Ist es nicht genug die Lebenden zu betrachten? Am Leben teilzuhaben? Muss ich mich unterhalten? Muss ich unterhalten werden? Was sind das für Zweifel an diesem Muss? Zieh mich raus – wer auch immer. Ist diese schmuddelige Wand mit Rissen im Mauerwerk, die vom Leben erzählen, vor mir nicht schön? Das alte Kalenderblatt nicht wertvoller als ein Gemälde?
Tag 5 | Wie gerne wäre ich alleine. Susanne behindert mich in keinster Weise, regt mich nicht auf, stört mich nicht. Und doch würde ich gerne alleine schlendern. Versinken, meinen Gedanken nachhängen. Heute habe ich mich mit meiner Lehrerin über Politik unterhalten, da heute Nachmittag ein Film über einen Militärputscher gezeigt wird. Sehr interessant. Die Sprache auf diese Art zu lernen, ist fantastisch. Ich fange schon an in Spanisch zu denken. Nach den paar Tagen…, aber das ist der Punkt, ich lebe momentan hier. Gestern Abend hatten wir im Haus Besuch. Wir waren 5 Studierende, die Hausfrau und ihre Mutter (beide auch Lehrerinnen). Es ist verblüffend, wieviel ich verstehen kann.
Ich hoffe sehr, dass nach Antigua die Chance zu sprechen und zu lernen nicht geringer werden.
Es ist unglaublich, Susanne ist nicht abgeneigt, eine weitere Woche zu bleiben. Sie hat mit Spanischlernen bei Null angefangen und sieht bereits tolle Erfolge und hat nun Spass an der Schule. Morgen wollen wir bis Sonntag einen Trip in die Natur machen. A ver que pasa!
17.03. | Ein Tag, erfüllt mit Eindrücken und doch so tranquilo. Viel gesehen und doch völlig ausgeruht. Heute habe ich meine erste eigene Kokosnuss gekauft. Ich schmiss sie vors Hotelzimmer und sie bekam einen Bilderbuchriss. Sie schmeckte klasse, ich habe sie innen und aussen supersauber gemacht. Mal sehen, was für wen daraus entsteht. Ein Gefäss mit Deckel.
Coban besteht, wie fast jede Stadt in Süd-/Mittelamerika, aus Markt und Läden. Es hat fast keine Touristen und es ist selbst für mich ein bisschen komisch hier zu laufen. Ich lasse mir nichts anmerken und schlendere meines Weges. Haben die Sicherheitsfanatiker es geschafft mich zu verunsichern? Niemals.
Eigentlich ist es angenehm diese zwei Tage geführte Rundreise. Endlich Geld zu haben und im Urlaub nicht kniggern bis zum letzten Pfennig. Eine Leistung kaufen. Wir haben doch so viel. Ist es wirklich wichtig, dass wir gerade zwei Zimmer bezahlen und nicht bei unseren Familien beim bezahlten Essen sind? Für mich völlig unwichtig. Interessant, wie die Zeiten sich wandeln. Für mich ist es eher schön, dass meine Gastfamilie nun Geld bekommt und für mich nichts einkaufen muss. Carla hat am Samstag Geburtstag und sie hat kein Geld jemanden einzuladen. Pero ahora es tiempo para ir a la cama.
18.03. | Heute waren wir im „Biotopo del Quetzal“. Es war schön 2 Stunden durch den Wald zu laufen, grün und grün und grün. Von den Vögeln Quetzal haben wir nur 2 gesehen, ein Männchen und ein Weibchen. Und das nicht mal im Biotop, sondern davor, beim Frühstücken. Wirklich schöne Vögel. Grün und rot, klein wie eine Elster, aber das Männchen mit einem meterlangen grünen Schwanz.
Der Rückweg war lang und holprig. Zu Hause grosse Wäsche, alles stand vor Dreck. Nun sitze ich hier im letzten Shirt und kann nicht auf die Strasse, weil es mich dann friert in der Abendkühle, ohne Jacke. Nein, bis dato war es mir nicht zu warm. Gestern ein bisschen Sonne bei Languín (Höhle) und Semuc Champey (Wasserterrassen). Tolle Ausflugsziele!
Zu Hause wohnen 2 Neue. Julia aus Dänemark, sehr jung. Denis aus Frankreich, perfektes spanisch. Neid. Nun lerne ich noch ein Wenig, trinke Schnaps und esse Kekse, weil es heute in der Familie nichts zu essen gab, warum auch immer.
19.03. | Heute haben wir eine spontane 3,5-Stunden-Wanderung gemacht. Ins Grüne und in die Berge. Wir kamen durch ein Gelände mit drei Schwimmbecken, Spielplatz und vieles mehr. Kein Mensch. Das Wasser kommt aus den Bergen und ist eiskalt, hier ist nur im Hochsommer jemand.
Mein Tatendrang kehrt zurück. Morgens mache ich immer 30 Minuten Gymnastik, danach Dusche, Frühstück, Schule. Meine Lehrerin fordert mir viel ab. Mein Kopf raucht vor sich hin, was natürlich Sinn der Sache ist.
20.03. | Heute Mittag machten wir von der Schule aus einen Rundgang auf den Aussichtspunkt „Cerro de la Cruz“. Ein Polizist begleitet uns, es soll da oben sehr gefährlich sein. Selbst Jogger sollen der Uhren und der Schuhe beklaut werden. Es sind nur wenige Meter durch den Wald und wir sehen niemanden…
22.03. | Ciudad Vieja, zu Fuss. Ein Marsch von ca. 13 km. Es ist eine andere Welt und doch nur ein Nebenort von Antigua. Die Frauen tragen unglaubliches auf den Köpfen: Schüsseln mit Bohnen, Berge von Wäsche, Holz für den Herd. Wie passt das zusammen? Herdholz und Fernsehgeräte? Viele sind so arm, dass sie ihre Kinder statt zur Schule zum Verkaufen auf den Markt schicken. Auch, weil sie kein Geld für die Schuluniform haben. Über 50% der Guatemalteken sind noch immer Analphabeten. Meine Lehrerin erzählt mir alles über Land und Leute. Schade, nur noch ein Tag Schule.
Wir lesen die Zeitung. Heute Nacht wird die MIR in Riesenstücken auf die Erde stürzen. Ich hoffe für die südliche Halbkugel, dass nichts passiert.
Heute gehört der Abend den Bars, für die Susanne leider nicht geschaffen ist. Sie will sehr früh nach Hause. Ich möchte Salsa tanzen und kann es nicht.
24.03. | Ich versuche in Spanisch zu denken. Suche Worte und Sätze.
Samstag | Wir waren auf dem Vulkan Pacaya. Ein Aktiver. Der Spass dauerte mit der Busfahrt 8 Stunden und hat sich gelohnt. Die Guides, die einen hinaufgeleiten, erzählen uns, dass der Aufstieg bis ganz oben nicht alle Tage machbar ist. Es wird ständig am Berg gehorcht. Rumpelt es zu stark im Inneren, darf er nicht bestiegen werden. Immer wieder schiessen auch grössere Steine aus dem Krater. Der ganze Weg hinauf hat der Boden warme und heisse Stellen. Es raucht hier und da unter Steinen hervor. Der letzte Aufstieg zum Krater war ein echtes Wegverdienen. Oben rauschte die Lava 50 Meter unter mir. Ich, stehend am gelbgeschwefelten Kraterrand, unter mir ein Brodeln direkt aus dem Leibesinneren der Mutter Erde. Beisende Dämpfe in der Nase und den Augen, nur keinen freien Blick auf die rotglühende Masse verpassen. Atemberaubend – buchstäblich.
25.03. | Mit einem Chickenbus haben wir Antigua in aller Frühe verlassen. Wir sind in Panachajel in ein Boot gestiegen und sind am Etappenziel San Pedro am Atitlan-See angekommen. Hier haben wir ein Zimmer für 3 Nächte und zahlen 5,50 DM/Nase und Nacht. Susanne war heute wieder ausgesprochen ruhig und eingeschüchtert. Es sei die Veränderung. 4 Stunden haben wir die Gegend und den Ort erlaufen. Zum Abendessen gab es eine superdulce Piña und Kekse. Hier soll man alles mit Führer machen, es sei gefährlich. Die Leute sehen so friedlich aus, nicht einschätzbar. Grillengezirpe, ein Hund bellt, Fliegen im Licht, Gitarrenspieler, leichtes Rauschen des Sees, ein Auto. Gefahr? Friedliches Miteinander? Waffen in der Indio-Tracht? Ruhe in mir. Wir nehmen keinen Führer.
26.03. | 11 Stunden geschlafen. Dann losmarschiert, am See entlang, über Stock und Stein kletternd, Richtung Santiago. An einem einsamen Strand geruht. Der Weg hörte letztendlich ganz auf, wir machten einen Versuch den Hang hinauf, aussichtslos. Also zurück. Deswegen den Führer? lach. Es war sehr schön und wir sind mächtig eingestaubt. Die Frauen hier waschen alles im See und legen die Wäsche zum Trocknen auf Steine, Büsche, Mauern. Jede deutsche Hausfrau würde den Horror bekommen.
Abends schaukle ich in der Hängematte. Riesige Vögel ziehen vorbei, das Gefieder gespreizt wie Adler.
28.03. | Sonnenbrand, Frieren, kalte Füsse, Kopfweh, schlecht geschlafen. Wir wanderten früh los, nach Santiago Atitlán. Anfangs dachte ich, ich kann die erste Steigung nicht bewältigen, irgendwann war ich eingelaufen. Die Tour lies uns stramme 6 Stunden wandern. Die letzten 3 Kilometer musste ich dann doch einen Pick-up entern. Die Füsse konnten nicht mehr. Die Meinungen der Einheimischen gehen weit auseinander was Entfernungen angehen. Nein, 8 km ist nicht gleich 30. Zurück ging es nach San Pedro mit einem Boot. Am nächsten Morgen verliesen wir San Pedro, ebenfalls per Boot, zurück nach Panajachel. Von hier mit einem günstigen Chickenbus nach Guate. Wir speisen bei MacDonald und kommen pünktlich zum Reisebus nach Chiquimula. Alle rund um den Bus sagen, er fährt bis zur Grenze Honduras, war aber nicht so. In Chiquimula stiegen wir wieder auf einen transporte publico um und brauchten weitere 2 Stunden bis El Florido. Der Bus hielt alle 200 Meter, lies Leute ein- und aussteigen und einkaufen und brauchte viermal Wasser für den Motor. In Grenznähe war es leicht unheimlich. Ich hatte dauernd die Leiter zum Busdach im Auge, auf dem unsere Rucksäcke ruhten. Die Grenzformalitäten waren locker. Susanne tauschte auf mein Anraten die letzten 30 Quetzal in Lempira um. Mit einem Pick-up fuhren wie die letzten 12 km bis Copán Ruinas. Ab Panachajel kostete so die Fahrt 17,80 DM statt mind. 45$. 40$ gespart und was erlebt.

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